Samstag, 30. Juli 2016

#5/ 12 WoSt - Einschläge

Hier nun eine kleine Entschuldigung, dass ich seit Mai keine Kurzgeschichte gepostet habe - es tut mir wirklich leid. Doch ich werde die fehlenden Kurzgeschichten noch nachreichen Hier nun die erste

Einschläge

Das Leben war wie ein Planet, daran konnte es gar keinen Zweifel geben. Es drehte sich um eine Umlaufbahn, um das Zentrum der Existenz und die Zeit, die man auf das Leben anlegen konnte, verging. Sicherlich war dieser Planet, gemessen an einem echten, nur sehr kurzlebig und deutlich mehr Turbulenzen ausgesetzt. Erinnerungen waren die Monde des Lebensplaneten. Freunde und Familie die Bewohner auf der Erde. Das Wasser waren die Meere der Tränen. Probleme, Leid und Schmerz waren kleinere und größere Asteroiden, die das Leben immer wieder erschütterten. Es verletzte nicht nur den Planeten selbst, sondern auch die Lebewesen auf ihm, denn sie waren unweigerlich damit verbunden. Es hatte zwangsläufig Auswirkungen auf sie, wenn der Planet verletzt wurde.
Es veränderte alles. Teile von den Wäldern und den Landschaften des Charakters des Lebens wurden ausradiert, verbrannt. Narben und Höhlen durchzogen die Struktur dieser Welt.
Noch während Ella über diesen Vergleich nachdachte, lächelte sie unter dem Schmerz. Sie hätte es gewohnt sein müssen, dass ihr Planet vermutlich keinen Schutzplaneten wie den Jupiter vor sich hatte, der die größten und gefährlichsten Asteroiden abfing. Sie krachten alle in ihre Planetenoberfläche; hinterließen große Löcher, die nicht mehr zu füllen waren, außer vielleicht mit Tränen. Doch jene fehlten ihr gerade.
Der Krater würde eine Mondlandschaft zur Folge haben. Mit giftigen Dämpfen. Unfruchtbar und unbewohnbar. Sie hätte niemals gedacht, dass es ihr noch derart weh tun könnte, halbe Planetoiden auf sich krachen zu haben. Dieses Gefühl hatte sie schon mehrfach gehabt. Aber noch nie hatte Ella den Eindruck gewonnen, dass einer ihrer Einschläge ihren Planeten aus der Umlaufbahn warf. Ihr Leben hatte einen Drall bekommen und drehte sich in alle erdenkliche Richtungen. Ihr Planet würde nun nur noch durch ihr Sonnensystem schlingern. Die Sonne konnte nicht mehr richtig und organisiert auf die Erde scheinen. Was würde das auf lange Sicht mit ihr anstellen?
Diese Frage konnte sie nicht beantworten.
Dabei hatte sie schon immer eine merkwürdige Umlaufbahn um ihre Sonne gehabt. Aber dieses Mal war es einfach anders.
Vielleicht war ihr Planet auch gerade zerbrochen. Gespalten. Gebrochen.
Für das Universum ein Scherbenhaufen.
Auch wenn sie wusste, dass es in der Realität unmöglich war, dass auf Planetenresten irgendjemand leben konnte, musste im Falle des Lebensplaneten für jeden genügend übrig sein, um drauf überleben zu können. Für jede wichtige Person ein Stück ihrer selbst.
Vielleicht würden sie versuchen, ihre Welt wieder zusammen zu setzen, aber es gab leider keinen Universalkleber für Planeten. Sie waren schließlich nicht in einer Terry Prachettwelt, wo Lebewesen dafür verantwortlich waren, Planeten zu fertigen, sie anzumalen und mit Leben zu besiedeln, so dass sie danach ins Universum entlassen werden konnten. In dieser Schmiede für Welten, hätte man sicher Kleber für sie gefunden, aber so?
Das Problem war, ihr Planetenpuzzle würden die Lebewesen nicht zusammen halten können, denn die, die auf ihrem Planeten gelebt hatten, wollten sich untereinander kaum noch anfassen. Wollten sich nicht mehr. Liebten nicht mehr, bildeten nicht mehr ihre Wurzeln. Sie waren getrennt.
Ihr Planet starb und der Kern in ihm lag brach. Ihre Seele erkaltete. Das Feuer in ihr erstickte. Flüssige Magma hatte nicht genügend Zeit zu wabern. Sie erkaltete und formte sich zu kleineren Brocken. Neues hartes Material. Egal ob sie nun über die Umlaufbahn trudelte oder einfach nur zersplittert war. Was von ihr übrig blieb, waren nur noch Hülle und Reste. Und es war doch so, wenn sie trudelte und alles auf ihr verging, dann brauchte es nur noch einen weiteren Einschlag und sie zerbrach in aller Gänze.
Vermutlich würde sie ein Asteroidengürtel werden. Gefährlich für die anderen Planeten in ihrem Sonnensystem.

Sonntag, 1. Mai 2016

#4/12 WoSt - BGB - Romanze

Noch lag der Winter in seinen letzten Atemzügen des ersten Frühlingshauchs. Während die Sonne ihre wesentlich kraftvolleren Strahlen der Erde entgegen sandte, schlich sich der kalte Wind in die milde Wärme ein. Ein kleiner Tanz der Temperaturen. Krokusse und Schneeglöckchen reckte ihre Köpfe der wohltuenden Sonne entgegen, die sie aus ihrem Winterschlaf geweckt hatte. Die Knospen an den Bäumen färbten sich grün und würden nur darauf warten, dass sie endlich in voller Blütenpracht stehen durften. Diese Zeit des neuen Jahres war auch der Arbeitsbeginn  für einen anständigen Imker. So natürlich auch für Winfried Baum. Bereits seit er ein kleiner Junge war, hat er das Handwerkszeug des Imkers gelernt. Sein Vater hatte schon diesen altehrwürdigen Schwarm von Bienen betreut. Vor genau 13 Jahren hat Winfried den Schwarm von seinem Vater übernommen. Eine Freundin hatte Winfried bisher noch nicht gehabt. Es fiel dem weiblichen Geschlecht schwer einen Mann namens Winfried Baum ernst zu nehmen. Zumindest war das die feste Überzeugung von ihm. Schließlich war er schon zu Schulzeiten das Gespött der Schule gewesen. Denn die Kurzform von Winfried lautete stets Winnie. Aus dieser Abkürzung war der Gedankengang zu einem kleinen, pummeligen, gelben Bär nicht mehr allzu schwer. Zu der Verteidigung der anderen Kinder musste gesagt werden, dass er als Kind tatsächlich sehr viel Ähnlichkeit mit seinem Spitznamensvetter hatte. Um ehrlich zu sein, waren die einzigen Unterschiede folgende: Er hatte definitiv keine Teddybärenohren und war auch nicht von gelber Farbe. Dafür hatten Größe und Statur gestimmt. Inzwischen sah er aber definitiv nicht mehr ganz so unförmig aus. Sein Gewicht hatte sich etwas besser auf seine beträchtliche Größe verteilt. Trotzdem waren seine wenige Freunde nicht von dem Spitznamen abgewichen. Schließlich behauptete seine beste Freundin, er ließe sich wie ein Winnie Puh knuddeln. Ob das ein Kompliment war, wusste Winnie allerdings nicht zu sagen. Er versuchte, es als ein solches zu sehen. Immerhin bestanden seine sonstigen Komplimente eher in seiner Ordentlichkeit, seinem Organisationstalent und der Herstellung von Honig. 

Eigentlich sollte es ein Tag wie jeder andere werden, als er den Weg von seinem Haus zu der Bienenwohnung fortsetzte. Er fand das Wort Bienennest so boshaft. Er wusste schließlich, dass Bienen ein sehr ordentliches Zuhause hatten und entsprechend Bienenwohnung wesentlich treffender war als jeder andere Begriff. Summend bog er gerade zu seinem Arbeitsplatz ein, als er für eine Sekunde erschrocken beobachtete, wie seine Bienen sich zu einem großen Schwarm vereinigten und davon schwirrten. Sein Vater hatte einmal erzählt, dass es passieren konnte, dass sich Bienen eine neue Bienenwohnung suchen wollten. Doch, wenn er seine Arbeit nicht verlieren wolle, so müsse er den Schwarm unverzüglich verfolgen. Winnie zögerte also nicht mehr lange und lief ihnen hinterher. Das stand schließlich auch so im Bürgerlichen Gesetzbuch geschrieben. Die Menschen, die dieses Werk damals geschrieben hatten, hatten wirklich weit voraus gedacht. Vielleicht hatten sich auch einmal Imker darüber gestritten, wem anschließend die Bienen gehörten, wenn sie sich vermengten, verirrten oder wo anderes einziehen wollten? So wirklich wusste er das gar nicht. Obwohl er bei Gelegenheit einmal versuchen sollte die Hintergründe in Erfahrung zu bringen. 
Etwas, was Winnie feststellte, als er mitten im März über den Zaun seines Nachbarn sprang und durch dessen Garten rannte, war, dass diese Tierchen wirklich verdammt schnell fliegen konnten. Sicherlich hätte das nicht überraschend sein sollen – aber jetzt die Verfolgung mit ihnen aufzunehmen, war wirklich eine ganze andere Sache, als ihnen beim allgemeinen Herumfliegen zuzuschauen. Wie ärgerlich, dass ausgerechnet seine Bienen sich dazu entscheiden mussten, umzuziehen. Dabei war er doch in Sport nie der Beste gewesen. Mit aller ihm zu Verfügung stehenden Kraft sprang und kletterte er über Zäune und hievte sich über die hohe Mauer von dem Ehepaar vier Häuser weiter vorn. Kaum war er seinen Bienen über das Ende seiner Straße hinaus gefolgt, musste er nach links in die „Lange Straße“ abbiegen. Er rannte, so schnell ihn seine Beine trugen, durch die gesamte Straße. Mit jedem Meter weiter schwand ihm jedoch die Kraft. Wie lange würde er es durchhalten? Er spürte verzweifelt, wie er langsamer wurde; ihm ab und an ein Bein einknickte. Nein, er musste sich zusammenreißen. Mitten im Rennen reckte er trotzig sein Kinn in die Höhe. Stur und nicht aufgeben wollend, lief er weiter. Hatte es sich doch noch ausgezahlt, dass er zu Schulzeiten immer vor den Grobianen weglaufen hatte müssen. Es kam natürlich, wie es kommen musste, die Bienen bogen abermals ab und er mit ihnen. Frau Biber aus der langen Straße, die berühmt für ihre zornige Art war, schimpfte ihm nach, als er zu seinem Bedauern ausgerechnet durch ihr gehegtes, gepflegtes und vielfach von der Gartenschau ausgezeichnetes Beet laufen musste. Er rief ihr eine Entschuldigung zurück: „Tut mir leid, Frau Biber, aber meine Bienen suchen sich gerade eine neue Wohnung!“ Später würde er sich Gedanken darum machen müssen, wie er bei Frau Biber um Vergebung bittete, denn ihr Blumenbeet im Vorgarten war ihr Ein und Alles. Hoffentlich konnte sie ihm seine rabiate Beetrampelei verzeihen. Er würde ihr auch neue Blümchen kaufen, wenn er zu verheerend gewesen war. Daran konnte gar kein Zweifel bestehen. Noch nie hatte er mutwillig etwas zerstört. Winnie war von Kindesbeinen an ein sehr gutmütiger Bürger des Dorfes. Der Mann hatte nicht vor, an diesem Ruf etwas zu ändern. 

Über diesen Gedanken hatte er allerdings beinahe vergessen Ausschau nach seinem altehrwürdigen Bienenschwarm zu halten, der sich eine neue Niederlassung suchen wollte. Er suchte also schier verzweifelt den blauen Himmel ab, der nur von einigen weißen, schmalen Wolken zerfurcht wurde, bevor er endlich den Sichtkontakt zu den Bienen wieder hergestellt hatte. Verzweifelt rief Winnie seinen Bienen nach: „Wartet!“ Außer Atem schnaufte er und rief noch einmal „Ihr müsst auf mich warten. Nicht so schnell ...“, doch die Bienen hörten ihm nicht zu. Wie sollten sie auch? Sie waren noch nie die besten Zuhörer gewesen, geschweige denn die besten Gesprächspartner. Alles, was sie als Antworten kannten, war ein unverständliches Summen. Er hatte einmal ausprobiert, mit ihnen zu summen. Allerdings musste daran etwas falsch gewesen sein, denn sein Bienenvolk war gelinde gesagt, wütend geworden. Vielleicht hatte er aus Versehen die Bienenkönigin beleidigt? Er hatte ja nicht gewusst, was er dort gesummt hatte. Es war wohl sein Glück gewesen, dass die Bienen nicht allzu nachtragend gewesen waren.

 Nachdem Winnie sogar einmal vor lauter Erschöpfung über seine eigenen Füße gestolpert war und sich einige Schürfwunden dabei zuzog, konnte er noch sehen, wie sich die Bienen an einem Fleck bewegten. Sie schwirrten immer wieder hin und her. Es war der eleganteste Himmelstanz, den Winnie je in seinem Leben gesehen hatte. Er richtete sich langsam wieder auf, dann folgte er weiter seinen Tierchen. Er durfte ihn unter gar keinen Umständen verlieren, denn der Schwarm war schon seit etlichen Jahren im Besitz seiner Familie. Wenn er ihn verlor, würde sein Vater ihn vermutlich enterben oder noch schlimmeres. Er rieb sich die Schulter von dem Sturz, obwohl mehr seine Hände vom Abfedern schmerzten. Stoisch ignorierte Winnie das Brennen auf seinen Handflächen. Seine Bienen waren wichtiger! Er kletterte schließlich über das Tor, das ihn von seinen Bienen abschirmte und lief wie gebannt über den gepflasterten Hof. Seine Augen jedoch nur auf den gewaltigen Bienenschwarm gerichtet, der dort in geringer Entfernung wie eine schwarze Wolke am Himmel wirbelte. Das Schauspiel lenkte ihn zu sehr ab, so dass er nicht bemerkte, dass jemand ihn bei seinem Betreten eines fremden Grundstücks beobachtet hatte. Da waren doch tatsächlich seine Bienen. Inmitten eines anderes Schwarmes. Sie hatten sich vereinigt und gingen friedlich miteinander um. Das hieß, wenn er es richtig in Erinnerung hatte, dass er die Bienenwohnung nicht ohne weiteres öffnen durfte, in die seine Immen eingezogen waren. Daraus schlussfolgerte er, dass er seine Bienen nicht einfach wieder mit nach Hause nehmen konnte. Nachdenklich kratzte er sich am Kopf. Es dauerte nicht mehr lange und er hatte völlig die Übersicht darüber verloren, welche Biene nun zu ihm gehörte und welche nicht. Es waren einfach zu viele, um alle auszumachen. Sicherlich bei einigen konnte er es noch auseinanderhalten, aber eben nicht alle. Sein Vater hatte einmal darüber gesprochen, dass selbst für den Fall, dass Bienenschwärme miteinander kollaborierten, dass Bürgerliche Gesetzbuch einen Schlachtplan dafür bereit hielt. Gerade wollte er sich daran erinnern, was sein Vater ihm beigebracht hatte, als eine weibliche und äußerst entrüstete Stimme sich an ihn wandte. Vor Schreck zuckte Winfried zusammen. Er wirbelte herum und als er sie erblickt hatte, blieb ihm der Mund offen stehen. Eine wirklich kolossale Frau. Sie war nicht zu dick oder zu dünn. Sie hatte Fleisch auf den Hüften und sah nicht aus, als würde sie beim Aufheben eines Holzscheites auseinanderfallen. Nein, bei ihr waren die Proportionen gut verteilt. Die Natur hatte es wirklich gut mit ihr gemein. So eine schöne Frau hatte er schon lange nicht mehr in dem Ort gesehen. Die einzige Frau im ganzen Ort, die sich anschickte, ihm zu begegnen, war Olive. Olive Ludwig. Allerdings konnte er nichts für sie empfinden. Sie hatte panische Angst vor Bienen und es ging das Gerücht um, dass sie ohnehin nur das Gehöft seiner Familie haben wollte. Deswegen hatte sie es auch schon bei seinem Bruder Justus versucht, der Bankangestellter war, eigentlich eine Frau hatte und schon drei Kinder ernährte. Nein, mit so jemanden wollte er nichts zu tun haben. 

Er war also von dem Anblick etwas abgelenkt. Nur nicht allzu lange, denn da sprach die Frau wieder: „Sind Sie ein Einbrecher oder was? Was wollen Sie hier holen? Ich hab überhaupt nichts wertvolles!“ Sie stemmte die Hände in die deutlich runden Hüften. Ihr Blick tackerte ihn fest und das braune Haar umflog ihr helles Gesicht. Was eine Erscheinung … „Ich bin kein Einbrecher“, merkte Winnie leise an. Ihr Blick konnte einem wirklich Angst machen, aber das hatte auf der anderen Seite durchaus etwas reizvolles an sich. „Dann sind Sie eben ein gottverdammter Hausfriedensbrecher. Ich habe gesehen, wie Sie ohne zu klingeln über mein Hoftor geklettert sind. Was übrigens nebenbei auch dumm war, weil das Hoftor offen gestanden hätte.“ Winnie knetete seine Hände in echter Betroffenheit. „Ich bin überhaupt kein Brecher. Weder Hausfriedensbrecher noch Einbrecher ...“, gab er zurück. „Ich bin ein Bienenverfolger!“ 
Zum ersten Mal fiel ihm auf, wie eigenartig das klingen musste. Niemand hatte ihm gesagt, dass Bienen verfolgen so peinlich werden konnte. Das musste sein Vater übergangen haben. Ja, aber, aus welchem Grund eigentlich? „Ein Bienenwas?“ wollte die Frau schließlich von ihm wissen. Er konnte es ja verstehen, das hatte wenig seriös geklungen. „Ich … Ich meine, ich bin ein Imker, der seine Bienen bis hierher verfolgt hat, Frau … äh … ich kenne Ihren Namen nicht.“  Winnie klang unsicher und sah betreten zu Boden, während er weiterhin seine Finger miteinander ringen ließ. „Das da drüben sind meine Bienen, Herr Egal-wie-Sie-heißen“, fauchte ihn die Brünette an, die sich kurzerhand ihre Haare zu einem Zopf zusammenfasste. Ihre Bewegungen waren elegant und geübt. „Nein, nein, Frau Ich-weiß-Ihren-Namen-nicht. Sehen Sie, Ihre Bienen sind kleiner, als meine. Sie haben da jetzt richtig große dabei. Wollen wir uns das vielleicht zusammen ansehen?“ Traurigerweise hätte Winfried das sogar als sein allererstes Date bezeichnen können, denn er hatte sich nicht einmal zum Abschlussball getraut ein Mädchen zu fragen, ob sie ihn begleiten wollte. Als sie meinte „Na schön, wenn es sein muss, gucken wir uns die Bienen an. Sollten Sie mich auf den Arm nehmen, dann schiebe ich Ihnen mein Nudelholz rektal hinein.“ schluckte er kurz. Tatsächlich hatte sie das Ding drohend in ihrer Hand liegen. Das war ihm im ersten Moment gar nicht aufgefallen. Winnie konnte spüren, wie ihm der Hals trocken wurde. Trotzdem spürte er auch Dankbarkeit ihr gegenüber. Es war schon beeindruckend, wie die Frau mit ihm umging. Er kannte einige Damen des Ortes, die es gar nicht erst angekündigt, sondern sofort in die Tat umgesetzt hätten. Also war die logische Konsequenz daraus, dass die Frau, deren Namen er nicht kannte, wesentlich sozialer als die meisten Dorfbewohner war. Er blieb schließlich immer der komische Bienenkauz. Winnie Puh, der Bär, der Honig liebte. So ein Spitzname sorgte automatisch dafür, dass man am Rand der Gemeinschaft stand. Nicht, dass sich Winnie darüber beschweren wollte, aber das machte so eine Begegnung, wie diese hier zu etwas speziellem. Als sie dann gemeinsam in den Garten gegangen waren, zu dem riesigen Apfelbaum, der bisher nur leichte Knospen trug, fühlte sich das merkwürdig vertraut an. Winnie stand der Schweiß auf der Stirn und er wischte sich mit dem Ärmel über diese und sah zu dem gigantischen Bienenschwarm. „Sehen Sie den Größenunterschied der Bienen? Die großen sind meine. Ich würde sie überall erkennen. Ich bin ihnen direkt gefolgt. Ich hatte wirklich Glück, dass ich in dem Moment aus dem Haus gekommen bin, als sie beschlossen hatten, auszuziehen“, erklärte er. Seine Finger hatten zwei ruhende Bienen in den Fokus gerückt, die sich nicht ganz ähnlich sahen. Tatsächlich konnte man allein anhand der Größe die beiden Sorten auseinander halten. „Hm – sieht aus, als hätten Sie Recht, Herr Egal-wie-Sie-heißen“, gab sie nachdenklich von sich. „Was machen wir denn jetzt?“ Winnie war etwas unsicher in ihrer Nähe. Nicht nur, dass sie überhaupt keine Berührungsängste hatte, sie war auch die erste Frau, die neben ihm stand, ohne über ihn zu lachen. Das musste Liebe auf den ersten Blick sein oder so? Er sah kurz zu ihr hoch, konzentrierte sich aber schnell wieder auf die Bienen. Mit Bienen kannte er sich deutlich besser aus, als mit Frauen.

 „Also nach dem BGB bin ich Eigentümer der Bienen, die in Ihre Bienenwohnung eingezogen sind“, sagte Winfried ernst. Die Frau blinzelte kurz. „Moment, haben Sie gerade Bienenwohnung gesagt?“, fragte sie überrascht nach. „Ja, Bienenwohnung. Das ist ein so viel schöneres Wort für das Bienenhaus. Immerhin hat der Bienenstaat eine so gigantische Ordnung und Struktur in ihrem geschützten Raum, dass ich es lieber Bienenwohnung nenne.“ Die Brünette nickte kurz auf seine Worte. Das konnte er sehen, weil seine Augen immer wieder auf ihr Gesicht huschten. Mit einem Lächeln bestätigte sie schließlich seine Worte: „Das sage ich auch immer. Wie heißen Sie noch gleich?“ „Ich bin … bin … Winfried Baum“, sagte er kleinlaut und wartete wie ein geprügelter Hund darauf, dass sie gleich anfangen würde zu lachen. Doch sie tat nichts dergleichen und stellte sich als „Honey Blum“ vor. Sie spannte ihren Kiefer an, wobei sie bedrohlich mit den Zähnen mahlte. Es war ein Hauch der Gewalt, der sie nun umgab. Fast wie der kalte Wind im wärmenden Frühlingsstrahl der Sonne. „Freut mich, Sie kennenzulernen Frau Blum. Honey ist ein sehr schöner Name“, sagte er freundlich. Doch er mochte den Klang des Namens. „Wie lange sind Sie denn schon Imkerin?“, fragte Winnie nun noch. „Falls ich nicht zu neugierig klinge“, beschwichtigte er seine Frage gleich wieder. „Ich mache das schon seit meiner Kindheit. Mein Papa hat mir alles beigebracht, was ich wissen muss. Jetzt, wo er tot ist, muss sich ja jemand um die Bienen kümmern“, sagte sie schließlich. „Und Sie?“ „Ich auch. Übernommen habe ich den Schwarm allerdings vor 13 Jahren, auch von meinem Vater, aber der lebt noch. Also, ich meine, er ist inzwischen einfach zu alt. Ich war das Einzige seiner vier Kinder, das sich für das Bienenvolk interessiert hat“, gab er zu. „Das ist wirklich großartig von Ihnen. Bienen sind so wertvoll für uns. Wir essen ihren Honig oder machen daraus Propolis. Außerdem bestäuben die Bienen unsere Pflanzen. Sie sind ganz außergewöhnliche Tiere“, der Ausdruck in den Augen von Frau Blum wurde ganz anders. Sanft und weich. Er mochte es. „Das stimmt. Ohne die Bienen würde die Menschheit nicht mehr existieren. Außerdem machen sie den Frühling und den Sommer um einiges echter. In wie vielen Geschichten heißt es denn, dass das Summen der Bienen zu hören war?“, merkte der Imker Winnie an. Da unterhielten sich zwei echte Bienenliebhaber, wie es ihm schien. Das brachte ihn zum Lächeln. Das tat er normalerweise auch wesentlich schüchterner in Gegenwart einer Frau. „Wollen Sie vielleicht einen Kaffee mit mir trinken? Meine Mutter würde Sie bestimmt gerne kennenlernen!“ Winnie stand vor ihr und sah sie an, als wäre sie von einem fremden Stern. „Sind Sie sich sicher, dass Sie mit mir reden?“ Frau Blum sagte: „Meine Mutter wartet seit mindestens 10 Jahren auf einen Kerl, wie Sie.“ „Oh, äh … ich soll also mit Ihrer Mutter einen Kaffee trinken?“ Winnie war manchmal nicht besonders schnell im Denken und genau dieses Manchmal traf auf jetzt zu. Frau Blum stutzte und fing schließlich doch an zu lachen. „Das war wirklich süß“, sagte sie und wurde sofort wieder ernst: „Nein, Sie sollen mit MIR Kaffeetrinken. Meine Mutter wartet seit zehn Jahren darauf, dass ich einen potentiellen männlichen Begleiter mit nach Hause bringe. Nun … Sie sehen etwas zerknittert und vollkommen erschöpft aus, aber ich behaupte einfach, dass Sie fast zu spät gekommen sind und deshalb rennen mussten. Das erinnert sie dann an meinen Vater. Also, ich bin Honey und du bist Winfried?“, kam sie nochmalig auf seinen Namen zu sprechen. Verwirrt nickte Winfried auf die Frage. So schnell hatte ihn noch nie jemand beim Vornamen genannt. Das war Rekord. „Okay. Du erzählst meiner Mutter, dass wir uns schon seit zwei Monaten kennen, verstanden? Ich hab's ihr nicht gesagt, weil es eine Überraschung werden sollte und du hast gewartet, bis ich sicher war, dass du mir als Freund erhalten bleibst!“ Er wollte fast nicken, als er  noch einmal kurz inne hielt: „Sehe ich nicht zu unförmig aus? Bin ich nicht zu dick oder so? Wird deine Mutter dich nicht für verrückt halten?“ „Nein. Du siehst besser aus, als der Letzte, den ich ihr gezeigt habe. Außerdem geht es ihr sowieso nur darum, dass ich nicht als einsame Jungfer sterbe. Wenn du dich also nicht zu dumm anstellst, gehen wir essen und wer weiß ...“ Winfried konnte immer noch nicht glauben, was die Frau vor ihm da gerade gesagt. Sollte wirklich das BGB ihn nach all den Jahren doch noch vom 'Singlemarkt' nehmen? „Also, wie sieht es aus? Willst du mit mir Kaffee trinken?“, fragte Frau Blum, die er tunlichst Honey nennen sollte.   „Sehr gerne, Honey“, gewöhnte er sich also gleich daran. Sie nickte zufrieden und drehte sich in Richtung Haus. Winfried hielt sie jedoch noch einmal auf und murmelte: „Warte, du hast da eine Biene im Haar.“ Sanft verhalf Winnie der Biene zu ihrer Freiheit.  Die Imkerin Honey Blum lächelte still. Zusammen gingen sie in das Haus hinein, wo sie gemeinsam ihren ersten Kaffee mit der Frau Blum Senior tranken – der allerdings nicht ihr letzter gewesen sein sollte.

Mittwoch, 30. März 2016

#3/12 WoST - Mein vorletzer Besuch

Mein vorletzer Besuch


Als ich noch in dem Auto saß, flohen die Bäume und die Häuser an mir vorbei. Sie waren so merkwürdig bedeutungslos. Keine Person, die in mein Sichtfeld kam und aus diesem schwand, war wirklich wichtig. Ihre Handlungen wirkten surreal auf mich. Natürlich war mir bewusst, dass sie nicht wissen konnten, dass die Welt einen weiteren wundervollen Menschen verloren hatte. Einen voller Wärme, Liebe und Geduld für alle anderen. Trotzdem entfachte es in mir eine Wut. Mir war, als hätte es jeder von den Unbeteiligten da draußen wissen müssen. Spüren müssen, dass die Welt einen Menschen in die Unendlichkeit entlassen hat, die kein Lebender je verstehen wird.
Immerhin – so dachte ich – hatte sich der Tag nach anfänglichem Regen dazu entschieden, etwas aufzulockern. Bestimmt hätte er es so gewollt. Kein Regen, sondern Sonnenschein.
Mein Blick ging auf den Fahrer – mein Vater. Er hat schon so viel verloren und nun nach dem seine Mutter, meine Oma; seine Tochter, meine große Schwester von uns gegangen sind, auch noch einen seiner Väter zu verabschieden, der mein Großvater ist. Ich gehe davon aus, dass er in meinen Großvater auch einen Vater gesehen hat, obwohl sein leiblicher Vater ein anderer ist. Ich jedenfalls mache zwischen den beiden Männern keinen Unterschied, sie sind meine Opas und ich liebe beide.
Zusammen mit meiner anderen Mutter befanden wir uns also auf dem Weg, im Krankenhaus von meinem Opa Abschied zu nehmen.

Jetzt sind wir angekommen und das Wetter ist immer noch stabil. Bewölkt, aber vom blauen Himmel und der Sonne durchbrochen. Der Wind fegt kühl, durch die lauwarmen Temperaturen. Ich kann nicht entscheiden, ob mir kalt oder warm ist. Ich fröstele auf den Weg zum Klinikgebäude. Es ist verwirrend. Ich hatte mich seelisch schon auf diese Nachricht vorbereitet. Wenn ich sein Foto sah, fühlte es sich an, als wäre er schon weit weg. Immer wieder laufen mir Tränen über das Gesicht, denn ich weiß, was er für mich war und was nun enden wird. Dabei dachte ich, ich hätte mich gut darauf vorbereitet, dass das auch im Rahmen der nicht von der Hand zu weisenden Möglichkeiten liegt. Ich merke auch wieder, dass es mir mehr Leid für alle um mich herum tut. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass ich meine Fehler ausgesprochen und mit ihm besprochen habe. Er hat mir vergeben zu seinen Lebzeiten noch. Er hat mir gesagt, dass er stolz darauf ist, was aus mir geworden ist. Wir hatten ähnliche Interessen und haben viel zusammen gelacht, wenn ich bei ihm war. Er hat sich darüber gefreut, dass ich ihm einen Tag Kuchen gebacken habe und ihn mitbrachte.
Dabei hatte er doch allen Grund wütend auf mich zu sein, denn noch einmal mit meiner Großmutter zu sprechen, bevor sie starb, war nicht möglich. Etwas, was mich heute noch quält.
All diese schönen Gedanken fliehen durch meinen Verstand und drücken die Trauer ein wenig und verleiht ihr ein kleines Schmunzeln. Doch die Realität schlägt ein wenig später zu. Nämlich als ich eintrete und er auf dem Bett gebahrt ist. Eine Krankenhausdecke über seinen Körper – endlich wieder ohne Schläuche und Geräte um sich herum. Liegend, der Mund geöffnet und die Augen geschlossen. Fahl, eingefallen, ausgemergelt. Man sieht, der Tod hat ihn mitgenommen. Die letzten Besuche im Krankenhaus werden wieder wach. Meine Sprachlosigkeit. Meine Angst nur ein Wort zu sagen und völlig falsche Dinge von mir zu geben. Dennoch habe ich seine Hand gehalten. Ich habe auf seine Aufforderung hin, das ein oder andere Wort mit ihm gewechselt. Obwohl meine Stimme brüchig war. Dennoch war ich da und ich erinnere mich auch jetzt daran, wie froh er war mich zu sehen. Er hätte wohl gelächelt, hätte er heute gesehen, dass ich auch diesen Weg gemacht habe. Besonders schön war es zu sehen, wie die drei roten Rosen auf seinem Oberkörper lagen. Es hatte etwas berührendes und ruhiges an sich. Ein schöner letzter Moment. Die Gespräche rundherum drehen sich um die Formalia. Ich kann das nicht, habe nur hin und wieder den ein oder anderen Moment, wo ich wirklich etwas beizutragen hatte. Doch die meiste Zeit hänge ich meinen Gedanken nach. Zum Beispiel, dass er jetzt wohl gerade die Liebe seines Lebens in den Arm nimmt und drückt und ihr sagt, wie sehr er sie liebt. Andererseits empfinde ich tiefes Mitleid mit seiner neuen Freundin, die kaum ein solches Schicksal zu erleiden hatte. Sie beide hatten angefangen ein neues Leben aufzubauen und sie hätten auch gerne noch einige Jahre miteinander haben dürfen. Ich hätte es den beiden gegönnt. Sie hätten es verdient gehabt. Ihr Gesicht wird mir lange Zeit im Gedächtnis bleiben, die aufkommenden Tränen in ihren warmen Augen. Sie war uns unten vor dem Eingang über den Weg gelaufen, fällt mir ein. Es wird zwischenzeitlich auch immer wieder über Opa geredet. Was ich schöner finde, wo ich lieber zuhöre. Auch wenn ich natürlich weiß, dass die Formalia auch geklärt werden müssen. Schließlich ist der Tod auch Bürokratie. Was mich aber im Angesicht des Mannes, der mir die größte Begnadigung des Lebens zu Teil hat werden lassen, anekelt. Dieser Moment sollte allein dem Menschen gewidmet sein, der von uns geht. Aber immerhin als wir nach einiger Zeit wieder aus dem Zimmer gehen wollen, bleiben alle seine Kinder an seinem Bett stehen und verabschieden sich. Ich mich auch. Ich lege meine Hand auf seine Schulter, möchte ihm eigentlich statt des offenen Mundes ein Lächeln auf das Gesicht zaubern. Ich wünsche ihm leise eine gute Reise und Auf Wiedersehen. Der Geruch von Tod liegt in der Luft. Man kann sagen, dass er weder wirklich schön aussieht, noch gut riecht. Aber mein Opa ist dennoch schön, weil er es schon immer gewesen war, ganz von innen heraus.
Ich weiß, dass ich bei der Beerdigung meine stille Kommunikation mit ihm führen werde und ihm versichere, dass ich da bleiben werde. Noch einmal werde ich nicht aus dem Leben der Familie väterlicherseits verschwinden. Das habe ich auch schon meiner Oma versprochen und ich werde es an seinem Grab verlängern und erneuern. In dem Moment als meine Hand auf seiner Schulter lege, möchte ich eigentlich laut schreien und weinen. Ich möchte ihn anflehen zurück zu kommen, obwohl ich genau weiß, dass das unfair ist. Das hat er nicht verdient und die Ruhe will und muss ich ihm gönnen. Das schulde ich ihm regelrecht. Für sein Verständnis, für die unendlich lieben Worte, die er für mich übrig hatte. Egal, wie oft ich in den letzten Jahren auch versagt habe, er hat an mich geglaubt und mir gesagt, ich kann mehr aus mir machen. Ich muss nur mehr wollen. Ich weiß, dass ich jetzt auch wirklich damit anfangen muss. Er sieht mir weiter zu. Aus meinem Herzen, in meinen Gedanken.
Ich werde etwas aus den Gedanken gerissen, als ich sehe, dass mein Vater und meine andere Mutter aus dem Raum gehen wollen. Auf dem Weg nach draußen hält mich mein Vater auf. Ich frage mich, ob man mir so stark ansieht, dass es mich mitnimmt. Doch als er mich in den Arm nimmt, gerate ich etwas aus meiner versucht beherrschten Fassung. Ich weine heftig und versuche es wieder zurück zu drängen. Noch immer ist da der Gedanke, dass ich so nicht fühlen darf, weil ich nicht so ein Teil dieser Familie gewesen bin, wie meine große Schwester. Aber an meiner Liebe besteht kein Zweifel. Ich weiß, was ich ihnen zu verdanken habe.
Dieser Tod ist besonders schwer für mich. Ich fühle mich Anblick dieses Fortgangs, wie ein kleines Kind. Keiner wird je verstehen, wie nah mir das geht und keiner wird je begreifen, wie schwer der Tod meiner Oma für mich gewesen ist. Ich denke, das wissen nur die Beiden, die jetzt wieder vereint sind.
Wir gehen jetzt und es wird noch einen letzten Abschied gehen. In Gedanken werfe ich ihm einen Kuss zu und winke ihm. Es heißt – bis zu unserer letzten gemeinsamen Station.

Dienstag, 23. Februar 2016

#2/12 WoSt - Was wäre wenn

Liebe Leser, wie ich bereits in meinem Hauptblog angekündigt habe, kommt es hier nun zu meiner zweiten Kurzgeschichte für die #12WoSt. Ihr seid natürlich immer noch eingeladen, euch uns anzuschließen und mitzumachen. Noch ist Zeit und noch ist der Raum, mit uns Kapitel, Prologe, Kurzgeschichten und andere geschriebenen Sachen in den #12WoSt mitzuposten. Einfach dazu eine Seite auf dem Blog anlegen, die Geschichten schreiben und zum WoSt gehörig kennzeichnen. Über Twitter und Facebook kann man die Fortschritte dann sogar posten. Nun aber genug zur Werbung. Ich habe dieses Mal ein sehr ernstes Thema aufgegriffen und ich denke, viele meiner eigenen Befürchtungen sind darin gelandet. Ich möchte noch betonen, dass es natürlich nicht so kommen muss. Aber die Möglichkeit ist nicht mehr aus der Luft gegriffen. glg Teleri/Nele _________________________________________________________________________________________________________________________
Zukunftsangst
Leipzig, 23.08. 2020


„Hallo du,
ich weiß, dass du dieses Tagebuch liest und dass wohl wirklich einige Jahre vergangen sein müssen.Wenn diese Zeilen es schaffen, in deinen Händen zu ruhen und du wirklich nur liest, was ich schreibe, weil es dich interessiert, dann haben wir wieder ein friedliches Land. Du hast die vorherigen Seiten sicherlich auch schon gelesen und weißt, dass ich seit der Bundestagswahl 2017 untertauchen musste. Ich will nicht fliehen, weil mein Land mir zu wichtig dafür ist und du weißt auch, dass ich mich verstecken muss – weil ich für den Frieden, für die Toleranz und die Gleichheit der Menschen eintrete. Ich muss etwas schmunzeln, das erinnerte mich an den Geschichtsunterricht und die Zeit 1789 -1799 in Frankreich. Dort hat man auch für diese Werte gekämpft, vom dritten Stand aus, um endlich eine Gleichheit der Menschen zu erreichen. 1848 hat man in Deutschland dasselbe versucht und ist daran gescheitert.
Ich frage mich, ob das ein Symptom von Deutschland ist, wann immer es einem passt, diese Werte hochzuhalten und dann, wenn es einem nicht mehr gefällt, diese Rolle abzulegen. Ich weiß, dass ich bis in die späten Jahre meiner Jugend – also mit 16 oder 17 - sicher in meinem Land war. Dass die Zeiten ruhig gewesen sind, dass man sich wohl fühlen konnte. Es war so unbeschwert und ich ersehne diese Zeiten zurück. Wie sehr würde ich mir wünschen, dass wir uns für den besseren Weg entschieden hätten, bei der letzten Bundestagswahl. Doch die Menschen haben sich von der demokratischen Regierung losgesagt.
Sie waren unzufrieden mit … vermutlich allem.
Ob es nun um die Arbeit ging, um so etwas wie GEZ – Gebühren, um die Wirtschaft, alles war unbequem geworden. Ich erinnere mich an 2015 und 2016 recht gut, wo alles anfing. Ich habe heute wieder einen Tag, an dem ich darüber nachdenken muss. Ich weiß noch, dass in Syrien Krieg herrschte. Bürgerkrieg und Stellvertreterkrieg in einem. Die Leute flüchteten aus dem Land hier her nach Deutschland. Dem Land wo Honig und Milch fließt. Ich hatte dafür Verständnis. Nicht jeder ist dazu geeignet in einem Krieg zu kämpfen und was gab es dort in diesen Jahren noch? Nichts. Zerbombte Häuser, Monumente, historische Bauwerke … tote Menschen und nicht die Sorte, die man vielleicht wieder vergessen kann, sondern zerrissene Leiber, die verteilt am Boden lagen. Verbrannte Leichen, deren Gestank sich in meiner Vorstellung in der Luft festsetzt und die Geschichte noch einmal und noch einmal erzählt, wie es zu diesem Bild kommen konnte. Der Fanatismus, der dazu führte, dass ein ganzes Land in Schutt und Asche liegt; das kommt mir noch aus den Kriegsjahren von 1939 bis 1945 so bekannt vor. Das war auch in Deutschland so. Der Fanatismus in dem Land, in dem ich geboren wurde, hatte es in diesen Jahren absolut zerstört. Fliegerbomben, Bodentruppen und Panzer hatten die Städte zertrümmert und es blieb kaum etwas übrig. Meine Urgroßeltern und Großeltern mussten es wieder aufbauen. Nicht nur die Städte, sondern sich selbst auch wieder. Ich habe so inbrünstig gehofft, dass so etwas nie wieder passieren würde. Ich weiß noch, dass ich das immer erschreckend gefunden habe. Das ich nie genau verstanden habe, wie dieses Denken zu Stande kommen konnte. Ich habe noch im Kopf, wie wir 2006 – also 3 Jahre vor dem Beginn der zerbrochenen Spiegel des friedlichen Lebens – mit ausländischen Besuchern und Bewohnern unseres Landes friedlich Seite an Seite die WM in Deutschland erleben durften. Es war schön zu sehen, wie friedlich Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander umgehen konnten, ohne sich gegenseitig zu töten. Doch schon damals war der Geist der Zeit anders geworden. Man konnte es fühlen. In jeder Faser des eigenen Ichs. Man konnte es hören in den Aussagen der Menschen. Es lag deutlich vor einem. Ich sagte damals, dass man aufpassen müsse, weil das rechte Gedankengut wieder an Gewicht gewinnt. Vielleicht auch deshalb, weil die NPD in einigen Landtagen saß. Doch es ging immer weiter abwärts. Mit 2009 fing es an, die ersten Risse im Spiegel zu geben. Vielleicht wunderst du dich, dass ich als Sinnbild den Spiegel benutze. Der Vergleich erscheint mir passend, denn etwas, wie Humanität, Weltoffenheit und Toleranz ist etwas sehr filigranes. Ich denke, es ist ähnlich zerbrechlich, wie Glas. Wenn ein Spiegel zu vielen Spannungen ausgesetzt ist, springt es. Es ist instabil und irgendwann fällt der Spiegel auseinander. Doch, ich denke das Bild passt sehr gut dazu. 2009 standen wir erstmals vor einer Erprobung des vereinigten Europas. Es war ein Jahr nach der Währungskrise und schon dort, war offensichtlich, Griechenland hatte kaum noch Ressourcen, die Verschuldung des Landes war viel zu hoch. Man richtete den Eurorettungsschirm ein, um so einen Zerfall des geeinigten Europas zu verhindern. Ich glaube, dass das eine gute Einstellung war, denn letztendlich büßt nicht nur eine Regierung für ihre Taten, sondern auch die Bevölkerung. Es wurde jedoch von 2009 an, nicht besser mit dem Finanzhaushalt der Griechen. Bis 2013 versuchte man über die EU-Rettungschirme dem Land Kredite zu gewähren, mit der Auflage, dass die Griechen die Regierung sanieren und Sparpolitik betreiben mussten. Das hat den Menschen nicht gefallen. Weder in Griechenland, weil sie sich unter Druck gesetzt fühlten, noch denen hier in Deutschland, weil sie dafür zahlen sollten. Seit den 50er Jahren hat das Modell des Generationsvertrages und damit der Solidarität funktioniert. Aber es sollte doch bestens nur in Deutschland verbleiben. Man konnte doch nicht jetzt für Europa arbeiten geben. Obwohl Europa funktionierte, bis auf die Verschuldung diverser Staaten. Mental schien es wirklich zu funktionieren. Immerhin bis 2013 – als sich eine neue Partei auftat. Es war die AEP, die Anti-Euro-Partei und ich weiß noch, wie ich reagiert habe, als ich das erste Mal von ihr gelesen habe. Ich hielt sie für Leute, die eine gefährliche Mentalität in sich tragen. Eine Mentalität, die zurück zur Einsamkeit führt. Zur Abgeschiedenheit. Eine Welt voll von Nationalismus. Ich hatte die Hoffnung, dass die Menschen das erkennen würden. Am Anfang war es so wohl auch. Doch mit den ungewollten vermehrten, sehr teuer bezahlten Rettungsschirmausschüttungen an Griechenland, gewann die Partei immer mehr an Zuspruch. Neid? Vielleicht. Neid darauf, dass wir Geld in andere Länder steckten, statt es uns gut gehen zu lassen. Bei uns hieß es immer, es wäre nie genug Geld für irgendetwas da. Zumindest in der normalen Bevölkerung – die durch die Negativ – und Angstpresse verroht wurden und durch mangelnde Bildung und Informationsquellen verdummt blieben. Eine gute Schule mit guten Lehrern war schon seit einigen Jahrzehnten zur Seltenheit geworden. An Bildung wurde gespart, derselben Meinung bin ich auch. Inzwischen bin ich der Ansicht, dass Demokratie zum Gewohnheitsfaktor wird und selbstverständlich ist. Was in den Bundestag einziehen kann, kann auch nur legitimiert sein. Was nur jeder übersehen hat, die NSDAP wurde 1933 in der Weimarer Republik auch gewählt, sie hatten sicherlich keine Prozenthürde, wie in Deutschland. Doch nur weil viele Menschen eine Partei wollen, heißt das nicht, dass sie nicht auch eine schlechte, destruktive Gesinnung haben kann. Das sieht man ganz deutlich. Der Terrorismus flammte auch langsam in den europäischen Staaten auf und das ist wohl das, was zum Problem wurde, denn die Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, dem Iran und Nordafrikanischen Staaten, wie Marokko und Ägypten hätten in den Augen der Bürger meines Landes sicherlich Frieden finden können, wäre in ihren Ländern nicht eine gefährliche Terrororganisation entstanden, die automatisch Vorurteile schüren. Anfänglich war alles noch soweit in Ordnung. Die Leute kamen hier an und wurden auf die Bundesländer verteilt. Dann kam im Januar 2015 der Anschlag auf Charlie Hebdo – eine französische Satirezeitschrift – und eine Betroffenheit vieler Länder wurde den Franzosen zuteil. Trotzdem kamen die Flüchtlinge nach Europa – insbesondere ins ohnehin schon gebeutelte Griechenland. Flüchtlinge ertranken. Flüchtlinge starben auf ihren Fluchtrouten über das Mittelmeer. Tod, Sepsis und Fieber im Gepäck. Es muss grauenhaft gewesen sein und ich war so dankbar dafür, dass ich in einem Land wohnen durfte, wo ich nicht fliehen musste, wo ich keine Angst haben brauchte, wo mich nicht bei jedem Schritt die Angst auffraß, dass jetzt gleich ein Einkaufszentrum oder ein Café in die Luft geht. Ich war wirklich ehrlich dankbar dafür.
Doch es waren viele Flüchtlinge und immer mehr kamen ins Land. Ich hatte weiterhin Verständnis und ich glaubte auch daran, dass wir das schaffen können. Die Bundeskanzlerin hatte es so gesagt und ich habe sie bewundert für den Mut. Ich empfand es als Katastrophe, als dann am 13. November 2015 die Anschläge in Paris verübt wurden. Ich war erschüttert. Das ist das richtige Wort für das Empfinden, welches ich hatte. Meine Gedanken überschlugen sich. Es war beinahe, wie provoziert. Anfänglich war ich mir nicht einmal sicher, ob wir es wirklich mit 'Glaubenskriegern' zu tun hatten. Es klang so nach Plan, dass ich mich fragte, wer wirklich seine Finger im Spiel hatte, bei dem Massaker … Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto eher kam ich zu dem Schluss, dass aber auch tatsächlich die Verfolger der Flüchtlinge ein berechtigtes Interesse daran haben konnten, es genau zu der Zeit zu machen, als die Flüchtlingswelle besonders hoch war. Immerhin kann man konstatieren, dass zum einen die Angst in Europa so groß war, dass daraufhin jede Weltoffenheit in sich zusammenfiel und zum Anderen, dass sie den Flüchtenden weiterhin das Leben zur Hölle machten. Die Furcht vor Anschlägen innerhalb der eigenen Länder wurde größer und größer. Als schließlich dann auch noch ein Fußballspiel in Deutschland abgesagt werden musste, weil eine Terrorwarnung vorlag – war die Unsicherheit insgesamt in Deutschland angekommen. Immer mehr Flüchtlingsheime brannten und Flüchtlinge wurden verletzt, verhetzt und gebeutelt. AEP und PgdID erhielten immer mehr Zulauf. Die Montagsdemonstration der Nikolaikirche in Leipzig ging unter den Angriffen von Rechten in der Innenstadt unter. Die Fokussierung der Nachrichten waren hier vollkommen verfehlt. Man hätte in dem Fall vielleicht mehr den Gedanken auf die Lichterkette legen sollen. Doch ist dies nicht geschehen. Andererseits waren wir auch zu wenige, die die Kerze der Hoffnung in den Händen hielten. Friedliches Miteinander – ich fragte mich die gesamte Zeit, was daran so schlimm und so schwer war. Über die öffentlichen Medien war es überall zu lesen. Die rechten Parolen – die aggressiven Meinungen der Politik gegenüber … 2016 wurde alles schlimmer. Flüchtlingsheime wurden angezündet und Menschen standen davor und jubelten. Stirnrunzeln und Angst vor der eigenen Bevölkerung machte sich in mir breit. Über die sozialen Netzwerke konnte man noch Menschen finden, die genauso dachten, wie man selbst. Man hat sich verständigt, Mut zugesprochen, hat auf diesen versucht auch Meinungen zu polarisieren, das ist wahr. Wir wollten aufwecken. Wir wollten Vernunft darbieten. Es dauerte nicht lange, da versuchten wir friedlich zu demonstrieren und für mehr Weltoffenheit zu werben. Künstler taten ihr Bestes … doch die Menschen in Deutschland waren in ihrer Unzufriedenheit gefangen. Sie waren zu sehr vereinnahmt von Verbesserungen … von mehr Mitspracherecht innerhalb der Politik.
Sie wollten keine leere Versprechungen mehr und glaubten an Märchen. Es war irrwitzig. Sicherlich hätte sich die Politik auch der Zeit anpassen müssen, was vielleicht zu wenig passiert war. Aber sie waren Menschen – Menschen, wie wir. Sie leiten sicherlich ein Land – aber auch sie waren keine Roboter. Sie durften Fehler machen - aber vermutlich nur in wenigen Augen, unter anderem in meinen. Der Mensch ist dazu da Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen. Doch … der Fehler aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts … die sind versiegt.
Niemand wollte wahrhaben, dass die Worte und Phrasen, die in den Mund genommen wurden, politisch rechter Natur zugeordnet werden mussten.

Rassendiskriminierung, Populismus, Unruhen, Rechtsradikalität … Mörder der Humanität – sie haben immer mehr Spannungen auf den Spiegel ausgeübt. Immer mehr und mehr, bis er schließlich 2017 barst. Die AEP kam an die Macht, war im Bundestag … inzwischen haben sie den von vornherein zerschlissenen Mantel der Demokratie abgelegt. Die PgdID und AEP haben gemeinsame Ziele formuliert. Europa ist gescheitert, denn auch in diesen Ländern gab es entweder den Rechtsruck oder den Linksruck – aber ein demokratischer Ruck war nirgendwo mehr zu erkennen. In der Welt sah es nicht besser aus. In den USA wurde ein populistischer Präsident gewählt – in Australien wurden PgdIP-Aufmärsche nachgeahmt. Ich wusste bereits 2008, dass ein Zerfall der Werteordnung und ein damit einhergehender Krieg schwer zu verhindern sein würde. Mit Syrien und der Flüchtlingskrise fanden sich meine Worte bestätigt, dass die rechte Parteilandschaft an zu viel Macht gewinnen würde. Ein zweites 3. Reich hat sich seit 2017 etabliert. Angst und Schrecken regieren die Straßen. Politische Gegner werden gefasst, ins Gefängnis gesteckt. Man hört von allen Ecken, dass die Konzentrationslager wieder aufgemacht werden. Die Menschen wachen nicht auf. Sie folgen blind … sie folgen so blind.

Ich weiß nicht, was mit meinen Freunden passiert ist. Ich hoffe, sie leben noch. Sie sind gute und kluge Menschen. Ich fühle mich einsam in diesem Haus, wo nur widerwillige Mitläufer mich aufgenommen haben und mich verstecken. Die AEP – Mitgliedschaft ist Pflicht geworden. Jeder muss ihnen zustimmen. Jeder muss sie wählen. Ich nicht. Ich will sie nicht wählen. Mein Gesicht ist allerdings bekannt, ich kann also keine Wahlen mehr tätigen, ohne, dass man mich schnappen und hinrichten würde. Die Aussagen von Gewaltanwendung an Flüchtlingen wird inzwischen tatsächlich realisiert, nicht nur an Flüchtlingen, sondern auch politischen Gegnern. Trotzdem gönne ich mir mit dem Untergrund, der sich formiert hat, immer wieder die ein oder andere Dosis Gefahr. Ich muss etwas tun. Ich kann hier nicht weg. Ich weiß, der Krieg wird ausbrechen und Gnade uns Gott, ich weiß nicht, was dann passieren wird. Wird die Vernunft so groß sein, dass niemand die Atomwaffen bedient? Werden Sie wenigstens egoistisch genug sein, zu denken, wenn sie die Welt erobern wollen, können sie keine atomaren Verseuchungen verursachen? Ich kann es nur hoffen, denn sonst hat die Menschheit ihren Planeten ruiniert. Sonst sind wir unwiederbringlich verloren. Die apokalyptischen Filmszenarien werden bittere Realität.

Vielleicht wird die Welt auch einfach nur ein Ort, an dem nun überall Terrorattentate von allen Staaten verübt werden. Gleiche Mittel verwenden … so dass die gesamte Welt in einer Terrorangst leben muss. Damit die ganze Erde ein Syrien wird und es kein einziges Land mehr gibt, das Honig und Milch bieten kann. Wir haben versagt. Wir Menschen haben in der Menschlichkeit versagt. Es tut mir leid, dass du die Tränen, die ich um mein Land weine, auf dem Papier sehen musst. Es tut mir leid. Nur marschieren sie wieder, die Marionetten der Regierung. Im Gleichschritt erst nur Heim ins Reich – doch es dauert nur noch Atemzüge, dann geht es Schritt, Schritt, Schritt ins andere Land. In Uniform – mit Freude am Töten, die darauf in die Schrecken eines Krieges verwandelt werden. Wie die Soldaten einst im zweiten Weltkrieg. Nur ein Hauch noch, dann sind wir im dritten. Dann werden wieder Bombenalarme losgehen. Häuser werden bersten, wie die Seelen und der Spiegel. Aber es tröstet mich der Gedanke, dass du es gefunden hast. Denn wenn du es nicht verbrennst … wenn du es nur liest, dann … dann haben wir es doch noch geschafft, zu überleben. Dann gibt es die Menschheit noch. Dann gibt es wieder Menschlichkeit und dieses Mal hoffentlich mehr Vernunft in unseren Venen.

Ich umarme dich, wie jeden Tag
und wünsche dir Frieden in der Welt
C.E. Morling“

Samstag, 30. Januar 2016

#1 /12 WoST - Januarwahnsinn

Festtagsdelikt - #1. WoST Geschichte

Vorwort: Es war ein Tag, wie jeder andere auch, als mir die Idee zu dieser Geschichte kam. Verantwortlich war ein RPG-Post im Victorias Grove als ich gerade eine meiner verrücktesten Figuren an dem Board schrieb. In ihrem Kopf sind viele Dinge mysteriös und krimibehaftet und sie hat ein intensives Gespräch über Schatztruhen, die man basteln könnte und an einem Tag besonders gut zu ... sagen wir: vergraben wären,gehabt .  Was Schatztruhen, vergraben, und Krimi mit Festtagsdelikt zu tun haben, werdet ihr in der folgenden, völlig absurden Geschichte herausfinden. Habt Spaß damit! Nele aka Dany
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„Das ist er also?“ „Ja, Herr Ruprecht, das ist er“, sagte der untersetze Mann im roten Mantel, während er sich durch seinen buschigen, weißen Bart fuhr. Seine Augen ruhten auf dem Geschöpf, das da in dem Verhörraum saß. Nervös und dauernd mit dem Fuß wippend. „Dieser kleine Kerl hat uns all die Jahre diese erheblichen Schwierigkeiten bereitet?“, fragte Ruprecht und bedachte seinen Kollegen in dem roten Anzug. Er konnte nicht verhindern, dass seine Augenbraue etwas in die Höhe wanderte. „So sieht es aus. Es gibt eindeutige Beweise dafür“, bemerkte der weißbärtige und sah mit seinen klaren, alterslosen Augen zu Ruprecht auf. „Wie gehen wir es an, dass der gewiefteste Dieb der Menschheitsgeschichte geständig wird?“, fragte Ruprecht und begann seinen schwarzen Vollbart zwischen zwei von Hornhaut besetzten Fingern zwirbelte. „Vielleicht sollten wir die Guter Cop – böser Cop Nummer versuchen. Da gehst also erst du rein, Ruprecht und anschließend, versuche ich es mit meiner sanften Art“ „Das ist eine wirklich gute Idee, Herr Claus“, meinte Ruprecht nun und nickte mit entschlossenem Blick. Immerhin konnte so niemand behaupten, sie hätten versucht, den Verdächtigen zu bestechen. Den Eindruck konnte man von Herrn Claus nämlich leicht gewinnen. Immerhin vergab er seine Geschenke nur an die Guten, während er die Bösen immer ihm überließ. Das war natürlich nicht wirklich fair, wenn man genauer darüber nachdachte. Aber über die Jahrhunderte hatte sich das auf diese Art und Weise eingebürgert. Vielleicht lag es daran, dass Ruprecht schon immer von seinem Wesen her, nicht so freundlich gewesen war. Ernst, desillusioniert vom Verhalten der Spezies Mensch. „Nun, dann fange ich einfach an. Aber du kannst gerne mit eintreten, Herr Claus“, bemerkte der dunkelhaarige Mann in dem braunen Anzug, als er auf den Raum zulief und die Tür öffnete, doch sein Partner lehnte es zunächst ab. Er antwortete ihm, dass er sich das von außen anschauen wollte, um den Dieb von drinnen zu beobachten. Herr Claus selbst war sich nicht sicher, das hatte er Herrn Ruprecht während der Fahndung einmal erzählt, ob ihr Dieb entweder der schlaueste Kerl auf Erden war, indem er sich als freundlicher Spender bezeichnete oder ob er einfach zu dumm war, die richtigen Ablageorte für seine Diebesgüter zu finden. Eine berechtigte Frage, wenn man Herrn Ruprecht fragte, aber da sie den Übeltäter nun gefunden hatten, konnten sie es direkt herausfinden. Mit einem amüsierten Lächeln war er in dem Verhörraum angekommen und setzte sich in den Stuhl dem Gauner gegenüber. Das Erste, was ihm auffiel war, dass er wohl der behaarteste Dieb seiner eigenen Karriere war und verdammt große Ohren hatte. Man konnte selbstredend darüber spekulieren, ob sie von den Lügen gewachsen waren – wie bei Pinocchio die Nase oder ob das einfach in seiner Natur lag. Noch etwas anderes fiel Herrn Ruprecht auf: extrem langen Schneidezähne, die länger als die von Hermine Granger waren – sicherlich praktisch, wenn man sich Zugang zu verschiedenen Häusern verschaffen wollte. Vielleicht konnten sie anhand eines Zahnabdrucks einen Abgleich mit den Einbruchsspuren an diversen Tatorten machen? Die Technik war inzwischen ja schon weit voran geschritten. Die Behaarung ihres Täters würde die Haarbüschel erklären. Herr Claus hatte Recht, sie hatten eindeutige Beweise gegen den Festgenommenen. Sie hatten ja auch wirklich mehrere Menschenleben darauf verwendet, diesen Meisterdieb zu finden. Allerdings war er deutlich ungeschickter als Bilbo Beutlin, aber selbstverständlich nur nach der Meinung von Herrn Ruprecht. Jetzt, als er seine Inspektion des verdächtigen Individuums beendet hatte, fing er an zu reden: „Sie wissen, warum Sie hier sind Herr Hase?“ „Nein! Ich verstehe überhaupt nicht, warum ihr mich mitgenommen habt. Ich bin ein treuer Bürger dieser Welt“, behauptete der pelzige Kerl steif und fest. Das hatte er schon mehrere Male beteuert, auf dem Weg hierher. Schon von der Erdhöhle, wo sie ihn aufgespürt hatten. „Dann will ich Ihnen mal auf die Sprünge ...“, Ruprecht hielt inne und setzte nach einem leichten Kopfschütteln fort: „... helfen. Seit geraumer Zeit sind Sie in den Fokus unserer Ermittlungen geraten. Wir haben auffällige Fußspuren vor Häusern gefunden, die Einbrüche zu beklagen hatten. Wir haben Haare – also DNA an den Tatorten gefunden“, sagte Ruprecht und setzte seine besondere, kehlige Stimmlage ein, die tief und dröhnend durch den Raum schwirrte. „Ey Ruprecht, komm mal wieder runter. Ich hab echt nix gemacht“, bemerkte der Verdächtige, als würde er seinen Gegenüber schon lange genug kennen. Was tatsächlich der Wahrheit entsprach. Ruprecht massierte sich die Stirn etwas und versuchte Ruhe zu bewahren. Nur nicht aus der Haut fahren, dachte sich der Ermittler. „Wir werden ja sehen, ob du nichts gemacht hast. Wir werden nämlich Zahnabdrücke von dir nehmen lassen und sie mit den Einbruchsspuren vergleichen, die wir finden konnten“, sagte Ruprecht, während er seine Arme auf den Tisch legte und unter seinen buschig-schwarzen Augenbrauen hervorlugte. Sein eindrücklicher Blick ließ Herrn Hase etwas kleiner werden, als er ohnehin schon war. „Wo ist eigentlich mein Anwalt – mir steht doch ein Anwalt zu. Ganz so, wie überall“, verlangte der Dieb nun und Ruprecht grinste schief. „Du kannst natürlich einen Anwalt verlangen, mein Lieber. Allerdings wirfst du damit alle Angebote auf Strafmilderung von unserer Seite weg“, erklärte Herr Ruprecht. Er lehnte sich in den Stuhl zurück. „Ah, Clausi ist also auch da? Was krieg ich denn, wenn ich artig gewesen bin?“, fragte Herr Hase Richtung Spiegel. Autsch, Ruprechts Miene zuckte, Herr Claus hasste es, Clausi genannt zu werden oder, manch einer in ihrer Karriere war schon so clever gewesen, Senta statt Santa. Das kratzte natürlich am Ego seines Partners. „Ja, Herr Claus ist auch da!“, versuchte Herr Ruprecht das Thema schnell zu beenden. „Wir wollen allerdings viel lieber von Ihnen wissen, warum Sie die Einbrüche verübt haben!“ Auf der anderen Seite des Tisches, wo Herr Hase saß, konnte man ein Nasenwackeln sehen. Er schien zu überlegen und Ruprecht hoffte, dass er nicht seine ganz üble Seite herauf beschwören musste. „Ich sage gar nichts, bevor ich nicht den Deal gehört habe!“, bemerkte Herr Hase und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Ruprecht drehte sich also um, reckte die Hand in die Höhe und winkte mit zwei Fingern. Entsprechend kam Herr Claus in den Raum und schmiss die Tür in die Angeln. Wollten Sie nicht eigentlich böser Cop, guter Cop machen? Jetzt sah es so aus, als wäre er der gute Cop und Herr Claus der Üble. Das passte überhaupt nicht ins Rollenbild. Fast wollte er sich beschweren, aber er überlegte es sich anders. Insbesondere als Herr Claus sowieso schon lospolterte. „Wenn du nicht willst, dass du bis an dein Lebensende die Rute und nie wieder Möhren bekommst, solltest du reden. Mehr habe ich dir nicht anzubieten“, gab Herr Claus puterrot von sich. Sein Kollege schien etwas gereizt zu sein. Ruprecht räusperte sich. „Wer wird denn so gereizt sein, Clausi. Du musst mir schon ein besseres Angebot machen“´, sagte Herr Hase und ein fieses Lächeln öffnete sich auf seinen Zügen. Natürlich hatte ihr Dieb gerade gemerkt, dass der Spitzname einen empfindlichen Nerv bei dem Kollegen Claus traf. Ruprecht seufzte und massierte sich abermals die Stirn. Herr Hase war ein anstrengender Gauner. Es war also kein Wunder das Herr Claus mit der Faust auf den Tisch donnerte, dass der ganze Holztisch wackelte. Herr Hase hatte sein Grinsen immer noch nicht verloren. Er klopfte stattdessen eine Melodie mit seinem Fuß. Musikalisch begabt war Herr Hase auf jeden Fall, so viel stand fest. „Ein besseres Angebot? Also: „Du kriegst bis ans Ende aller Tage eine Rute, dazu werden wir der ganzen Welt offenbaren, was für ein schlimmer Finger und feiger Dieb du bist, damit auf Jahr und Tag dein Fest, das sie dir zu Ehren feiern, eingestampft wird.“ Wenn man in Herr Ruprechts Gedanken schaute, konnte man feststellen, dass er bemerkte, wie gereizt Herr Claus war und aus einem völlig irritierenden Grund legte er beschwichtigend eine Hand auf den Arm des Weißbärtigen. „Und wenn du uns was sagst, kriegst du vielleicht, wenn du mich nicht mehr Clausi nennst, eine Möhre“, beruhigte sich der Weißbart etwas und blickte den frechen Übeltäter noch einmal finster an. Ruprecht war noch nie in seinem ganzen Dasein als Ruprecht aufgefallen, wie unheimlich ein wütender Herr Claus war. Das letzte Mal als er ihn so gesehen hatte, war, als Herr Fröstchen und Herr Nikolaus kurz vor Weihnachten stockbetrunken durch die Kneipen gezogen waren und sich ein Vergehen wegen öffentlichen Ärgernisses eingehandelt hatten. Das war auch wirklich peinlich für die Feiertagspolizei gewesen. Die Aufregung war groß gewesen und Herr Fröstchen und Herr Nikolaus hatten sich noch 20 Jahre danach geschämt. Da beide von Herrn Claus eingestellt worden waren, war er entsprechend auch sauer gewesen und für die beiden setzte es weitere geschlagenen zehn Jahren nur noch Rute am größten Feiertag der Menschheit. Sie konnten froh sein, dass es nur insgesamt dreißig Jahre gewesen waren, eigentlich hatte Herr Claus angedroht, dass es mindestens 100 Jahre so laufen sollte und Milch und Kekse bei ihm abzuliefern waren und Herr Fröstchen Verbot bekam mit seinem Zauberstab Schnee zu zaubern. Der Zauberstab wurde außerdem konfisziert. Ohne sein Eingreifen hätte Herr Claus das auch tatsächlich durchgezogen. Man könnte den Anzugträger in Rot wirklich manchmal als unbeherrscht bezeichnen. Aber was wollte man von einem Mann erwarten, der 24 h lang über die ganze Welt flog und Weihnachtsgeschenke verteilte und den Rest der Zeit dafür sorgte, dass die Geschenke fertig wurden. Inzwischen hatte er die Aufgabe schon perfektioniert und etwas ins Leben gerufen, was da „Versandhandel“ hieß. Wenn da Leute böse waren, war es wohl wesentlich einfacher eine Fehlfunktion einzubauen. Zwar landeten die Pakete etwas vor Weihnachten bei den Familien, aber Claus hatte die Leute gut erzogen, denn aufgemacht wurden die nach Traditionsgedanken erst am Heiligabend oder Weihnachtsmorgen. Je nachdem, wo man sich in der Welt befand. Herr Hase sah Herrn Claus eine Weile an und wackelte mit der Nase herum. „Na gut, einverstanden. Ich rede. Aber dafür bleibt mein Name in der Öffentlichkeit sauber!“ Es war ein Moment des Schweigens, der sich über ihren Köpfen ausbreitete. Herr Claus und Herr Ruprecht sahen sich an. „In Ordnung. Wir versprechen es!“, bemerkte Ruprecht schließlich. Claus schnaubte verächtlich, verschränkte die Arme vor der Brust und setzte sich auf den zweiten Stuhl auf Seiten Herr Ruprechts. „Na dann – Ihr Part“, brummte Herr Claus ernst. „Also im Grunde, war das ja gar nicht so geplant, wie das jetzt gelaufen ist. Ich bin damals als erster meiner Art geboren. Also sprechend, auf zwei Pfoten laufend, pelzig und zu groß geraten. Ich war in der Schule immer Außenseiter, weil ich so komisch aussah und meine Mummy hat immer fürchterlich geheult, wenn sie mich gesehen hat. Was meiner Hasenmeinung nach wirklich nicht sehr nett ist. Nun egal. Ich habe versucht was aus meinem Leben zu machen und fand heraus, dass ich Menschen begeistern konnte. Warum sollte man sich das auch nicht zu nutze machen?“, Herr Hase zuckte mit den Schultern und stellte die Ohren auf. „Die Leute vertrauten mir und ließen mich in ihre Häuser ein. Da kam ich irgendwann auf die Idee, da ein Ei zu klauen, dort eine Schokolade mitgehen zu lassen und andere Dinge, die man zu Ostern … eben so finden kann“, Herr Hase ließ die Ohren wieder sinken. „Auch wenn ich als Dieb ziemlich brillant bin – meine Herren, denkt doch, was ihr wollt, habe ich es nicht so mit dem Verstecken. Ich habe die Gegenstände immer in der Nähe von anderen Häusern gehortet und beim aller ersten Mal, haben die Menschen dann die Beute von dem anderen Haus gefunden, dass ich ausgeräumt hatte. Um ehrlich zu sein, habe ich wirklich nicht damit gerechnet, dass die Menschen auf die Idee kommen, draußen im Garten nach Schmuck zu suchen ...“ Der pelzige Herr Hase kratzte sich etwas am behaarten Nacken. „Ich hab das jedes Mal direkt nach dem Winterschlaf probiert“, sagte der Gefangene nun, bevor er verzweifelt ausstieß: „Allerdings haben die Menschen irgendwann Gefallen daran gefunden, meine Verstecke zu suchen. Das wurde … zum Ritual. Wisst ihr, wie frustrierend es ist, wenn man Dinge versteckt, die keiner finden soll und alle anderen sich die größte Mühe geben, das zu suchen, ey?“ Herr Hase ließ sich frustriert in den Stuhl sinken. Herr Ruprecht und Herr Claus sahen sich an. „Das heißt, du hast eigentlich nie etwas von deiner Beute gehabt … weil du im Grunde … zu blöd warst, das richtig zu planen?“, brachte es Ruprecht auf den Punkt. Die Frage ließ Herrn Hase enttäuscht nicken. Die beiden von der Festtagspolizei fingen an zu lachen, selbst Herr Claus hatte den absichtlichen Seitenhieb auf seinen Namen vergessen. Als sich Herr Claus beruhigt hatte, sagte er zu Herrn Ruprecht: „Weißt du, Knechti? Lass uns mit Staatsanwalt Valentin sprechen. Ich habe die perfekte Bestrafung für Herrn Hase“ „Was? Was habt ihr vor?“, fragte der Erwähnte panisch, als Herr Claus und Herr Ruprecht die Köpfe zusammensteckten und tuschelten. Das gefiel ihm gar nicht. „Herr Hase, jetzt dürfen Sie einen Anwalt anrufen“, sagte Herr Claus und die beiden gingen aus dem Raum und befahlen Herrn Fröstchen und Herrn Nikolaus den Osterhasen abzuführen.

 Das Urteil des Osterhasens lautete: Herr Hase muss für den Rest seines Lebens selbst die Süßwaren und die Ostereier herstellen und sie, wie gewohnt jedes Jahr zu Ostern, nach dem Winterschlaf, zu den Häusern bringen. (Man könne ihm ja nicht erlauben, weiterhin fremde Sachen zu entwenden) Sollte Herr Hase sich einem weiteren Einbruch schuldig machen, so sollte er für ganze 200 Jahre die Rute zu Weihnachten erhalten und zusätzlich 40 Jahre Möhrenverbot und Freiheitsentzug. Für den Fall, dass Herr Hase sich im Freiheitsentzug befindet, wird ein Doppelgänger für ihn gefunden und eingesetzt. Das Urteil ergeht im Namen des Festtagsgerichts.

Nachtrag: Herr Claus und Herr Ruprecht haben sich daran gehalten, der Weltöffentlichkeit nicht zu verraten, was es mit Ostern eigentlich wirklich auf sich hat.