Mittwoch, 30. März 2016

#3/12 WoST - Mein vorletzer Besuch

Mein vorletzer Besuch


Als ich noch in dem Auto saß, flohen die Bäume und die Häuser an mir vorbei. Sie waren so merkwürdig bedeutungslos. Keine Person, die in mein Sichtfeld kam und aus diesem schwand, war wirklich wichtig. Ihre Handlungen wirkten surreal auf mich. Natürlich war mir bewusst, dass sie nicht wissen konnten, dass die Welt einen weiteren wundervollen Menschen verloren hatte. Einen voller Wärme, Liebe und Geduld für alle anderen. Trotzdem entfachte es in mir eine Wut. Mir war, als hätte es jeder von den Unbeteiligten da draußen wissen müssen. Spüren müssen, dass die Welt einen Menschen in die Unendlichkeit entlassen hat, die kein Lebender je verstehen wird.
Immerhin – so dachte ich – hatte sich der Tag nach anfänglichem Regen dazu entschieden, etwas aufzulockern. Bestimmt hätte er es so gewollt. Kein Regen, sondern Sonnenschein.
Mein Blick ging auf den Fahrer – mein Vater. Er hat schon so viel verloren und nun nach dem seine Mutter, meine Oma; seine Tochter, meine große Schwester von uns gegangen sind, auch noch einen seiner Väter zu verabschieden, der mein Großvater ist. Ich gehe davon aus, dass er in meinen Großvater auch einen Vater gesehen hat, obwohl sein leiblicher Vater ein anderer ist. Ich jedenfalls mache zwischen den beiden Männern keinen Unterschied, sie sind meine Opas und ich liebe beide.
Zusammen mit meiner anderen Mutter befanden wir uns also auf dem Weg, im Krankenhaus von meinem Opa Abschied zu nehmen.

Jetzt sind wir angekommen und das Wetter ist immer noch stabil. Bewölkt, aber vom blauen Himmel und der Sonne durchbrochen. Der Wind fegt kühl, durch die lauwarmen Temperaturen. Ich kann nicht entscheiden, ob mir kalt oder warm ist. Ich fröstele auf den Weg zum Klinikgebäude. Es ist verwirrend. Ich hatte mich seelisch schon auf diese Nachricht vorbereitet. Wenn ich sein Foto sah, fühlte es sich an, als wäre er schon weit weg. Immer wieder laufen mir Tränen über das Gesicht, denn ich weiß, was er für mich war und was nun enden wird. Dabei dachte ich, ich hätte mich gut darauf vorbereitet, dass das auch im Rahmen der nicht von der Hand zu weisenden Möglichkeiten liegt. Ich merke auch wieder, dass es mir mehr Leid für alle um mich herum tut. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass ich meine Fehler ausgesprochen und mit ihm besprochen habe. Er hat mir vergeben zu seinen Lebzeiten noch. Er hat mir gesagt, dass er stolz darauf ist, was aus mir geworden ist. Wir hatten ähnliche Interessen und haben viel zusammen gelacht, wenn ich bei ihm war. Er hat sich darüber gefreut, dass ich ihm einen Tag Kuchen gebacken habe und ihn mitbrachte.
Dabei hatte er doch allen Grund wütend auf mich zu sein, denn noch einmal mit meiner Großmutter zu sprechen, bevor sie starb, war nicht möglich. Etwas, was mich heute noch quält.
All diese schönen Gedanken fliehen durch meinen Verstand und drücken die Trauer ein wenig und verleiht ihr ein kleines Schmunzeln. Doch die Realität schlägt ein wenig später zu. Nämlich als ich eintrete und er auf dem Bett gebahrt ist. Eine Krankenhausdecke über seinen Körper – endlich wieder ohne Schläuche und Geräte um sich herum. Liegend, der Mund geöffnet und die Augen geschlossen. Fahl, eingefallen, ausgemergelt. Man sieht, der Tod hat ihn mitgenommen. Die letzten Besuche im Krankenhaus werden wieder wach. Meine Sprachlosigkeit. Meine Angst nur ein Wort zu sagen und völlig falsche Dinge von mir zu geben. Dennoch habe ich seine Hand gehalten. Ich habe auf seine Aufforderung hin, das ein oder andere Wort mit ihm gewechselt. Obwohl meine Stimme brüchig war. Dennoch war ich da und ich erinnere mich auch jetzt daran, wie froh er war mich zu sehen. Er hätte wohl gelächelt, hätte er heute gesehen, dass ich auch diesen Weg gemacht habe. Besonders schön war es zu sehen, wie die drei roten Rosen auf seinem Oberkörper lagen. Es hatte etwas berührendes und ruhiges an sich. Ein schöner letzter Moment. Die Gespräche rundherum drehen sich um die Formalia. Ich kann das nicht, habe nur hin und wieder den ein oder anderen Moment, wo ich wirklich etwas beizutragen hatte. Doch die meiste Zeit hänge ich meinen Gedanken nach. Zum Beispiel, dass er jetzt wohl gerade die Liebe seines Lebens in den Arm nimmt und drückt und ihr sagt, wie sehr er sie liebt. Andererseits empfinde ich tiefes Mitleid mit seiner neuen Freundin, die kaum ein solches Schicksal zu erleiden hatte. Sie beide hatten angefangen ein neues Leben aufzubauen und sie hätten auch gerne noch einige Jahre miteinander haben dürfen. Ich hätte es den beiden gegönnt. Sie hätten es verdient gehabt. Ihr Gesicht wird mir lange Zeit im Gedächtnis bleiben, die aufkommenden Tränen in ihren warmen Augen. Sie war uns unten vor dem Eingang über den Weg gelaufen, fällt mir ein. Es wird zwischenzeitlich auch immer wieder über Opa geredet. Was ich schöner finde, wo ich lieber zuhöre. Auch wenn ich natürlich weiß, dass die Formalia auch geklärt werden müssen. Schließlich ist der Tod auch Bürokratie. Was mich aber im Angesicht des Mannes, der mir die größte Begnadigung des Lebens zu Teil hat werden lassen, anekelt. Dieser Moment sollte allein dem Menschen gewidmet sein, der von uns geht. Aber immerhin als wir nach einiger Zeit wieder aus dem Zimmer gehen wollen, bleiben alle seine Kinder an seinem Bett stehen und verabschieden sich. Ich mich auch. Ich lege meine Hand auf seine Schulter, möchte ihm eigentlich statt des offenen Mundes ein Lächeln auf das Gesicht zaubern. Ich wünsche ihm leise eine gute Reise und Auf Wiedersehen. Der Geruch von Tod liegt in der Luft. Man kann sagen, dass er weder wirklich schön aussieht, noch gut riecht. Aber mein Opa ist dennoch schön, weil er es schon immer gewesen war, ganz von innen heraus.
Ich weiß, dass ich bei der Beerdigung meine stille Kommunikation mit ihm führen werde und ihm versichere, dass ich da bleiben werde. Noch einmal werde ich nicht aus dem Leben der Familie väterlicherseits verschwinden. Das habe ich auch schon meiner Oma versprochen und ich werde es an seinem Grab verlängern und erneuern. In dem Moment als meine Hand auf seiner Schulter lege, möchte ich eigentlich laut schreien und weinen. Ich möchte ihn anflehen zurück zu kommen, obwohl ich genau weiß, dass das unfair ist. Das hat er nicht verdient und die Ruhe will und muss ich ihm gönnen. Das schulde ich ihm regelrecht. Für sein Verständnis, für die unendlich lieben Worte, die er für mich übrig hatte. Egal, wie oft ich in den letzten Jahren auch versagt habe, er hat an mich geglaubt und mir gesagt, ich kann mehr aus mir machen. Ich muss nur mehr wollen. Ich weiß, dass ich jetzt auch wirklich damit anfangen muss. Er sieht mir weiter zu. Aus meinem Herzen, in meinen Gedanken.
Ich werde etwas aus den Gedanken gerissen, als ich sehe, dass mein Vater und meine andere Mutter aus dem Raum gehen wollen. Auf dem Weg nach draußen hält mich mein Vater auf. Ich frage mich, ob man mir so stark ansieht, dass es mich mitnimmt. Doch als er mich in den Arm nimmt, gerate ich etwas aus meiner versucht beherrschten Fassung. Ich weine heftig und versuche es wieder zurück zu drängen. Noch immer ist da der Gedanke, dass ich so nicht fühlen darf, weil ich nicht so ein Teil dieser Familie gewesen bin, wie meine große Schwester. Aber an meiner Liebe besteht kein Zweifel. Ich weiß, was ich ihnen zu verdanken habe.
Dieser Tod ist besonders schwer für mich. Ich fühle mich Anblick dieses Fortgangs, wie ein kleines Kind. Keiner wird je verstehen, wie nah mir das geht und keiner wird je begreifen, wie schwer der Tod meiner Oma für mich gewesen ist. Ich denke, das wissen nur die Beiden, die jetzt wieder vereint sind.
Wir gehen jetzt und es wird noch einen letzten Abschied gehen. In Gedanken werfe ich ihm einen Kuss zu und winke ihm. Es heißt – bis zu unserer letzten gemeinsamen Station.

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