Sonntag, 1. Mai 2016

#4/12 WoSt - BGB - Romanze

Noch lag der Winter in seinen letzten Atemzügen des ersten Frühlingshauchs. Während die Sonne ihre wesentlich kraftvolleren Strahlen der Erde entgegen sandte, schlich sich der kalte Wind in die milde Wärme ein. Ein kleiner Tanz der Temperaturen. Krokusse und Schneeglöckchen reckte ihre Köpfe der wohltuenden Sonne entgegen, die sie aus ihrem Winterschlaf geweckt hatte. Die Knospen an den Bäumen färbten sich grün und würden nur darauf warten, dass sie endlich in voller Blütenpracht stehen durften. Diese Zeit des neuen Jahres war auch der Arbeitsbeginn  für einen anständigen Imker. So natürlich auch für Winfried Baum. Bereits seit er ein kleiner Junge war, hat er das Handwerkszeug des Imkers gelernt. Sein Vater hatte schon diesen altehrwürdigen Schwarm von Bienen betreut. Vor genau 13 Jahren hat Winfried den Schwarm von seinem Vater übernommen. Eine Freundin hatte Winfried bisher noch nicht gehabt. Es fiel dem weiblichen Geschlecht schwer einen Mann namens Winfried Baum ernst zu nehmen. Zumindest war das die feste Überzeugung von ihm. Schließlich war er schon zu Schulzeiten das Gespött der Schule gewesen. Denn die Kurzform von Winfried lautete stets Winnie. Aus dieser Abkürzung war der Gedankengang zu einem kleinen, pummeligen, gelben Bär nicht mehr allzu schwer. Zu der Verteidigung der anderen Kinder musste gesagt werden, dass er als Kind tatsächlich sehr viel Ähnlichkeit mit seinem Spitznamensvetter hatte. Um ehrlich zu sein, waren die einzigen Unterschiede folgende: Er hatte definitiv keine Teddybärenohren und war auch nicht von gelber Farbe. Dafür hatten Größe und Statur gestimmt. Inzwischen sah er aber definitiv nicht mehr ganz so unförmig aus. Sein Gewicht hatte sich etwas besser auf seine beträchtliche Größe verteilt. Trotzdem waren seine wenige Freunde nicht von dem Spitznamen abgewichen. Schließlich behauptete seine beste Freundin, er ließe sich wie ein Winnie Puh knuddeln. Ob das ein Kompliment war, wusste Winnie allerdings nicht zu sagen. Er versuchte, es als ein solches zu sehen. Immerhin bestanden seine sonstigen Komplimente eher in seiner Ordentlichkeit, seinem Organisationstalent und der Herstellung von Honig. 

Eigentlich sollte es ein Tag wie jeder andere werden, als er den Weg von seinem Haus zu der Bienenwohnung fortsetzte. Er fand das Wort Bienennest so boshaft. Er wusste schließlich, dass Bienen ein sehr ordentliches Zuhause hatten und entsprechend Bienenwohnung wesentlich treffender war als jeder andere Begriff. Summend bog er gerade zu seinem Arbeitsplatz ein, als er für eine Sekunde erschrocken beobachtete, wie seine Bienen sich zu einem großen Schwarm vereinigten und davon schwirrten. Sein Vater hatte einmal erzählt, dass es passieren konnte, dass sich Bienen eine neue Bienenwohnung suchen wollten. Doch, wenn er seine Arbeit nicht verlieren wolle, so müsse er den Schwarm unverzüglich verfolgen. Winnie zögerte also nicht mehr lange und lief ihnen hinterher. Das stand schließlich auch so im Bürgerlichen Gesetzbuch geschrieben. Die Menschen, die dieses Werk damals geschrieben hatten, hatten wirklich weit voraus gedacht. Vielleicht hatten sich auch einmal Imker darüber gestritten, wem anschließend die Bienen gehörten, wenn sie sich vermengten, verirrten oder wo anderes einziehen wollten? So wirklich wusste er das gar nicht. Obwohl er bei Gelegenheit einmal versuchen sollte die Hintergründe in Erfahrung zu bringen. 
Etwas, was Winnie feststellte, als er mitten im März über den Zaun seines Nachbarn sprang und durch dessen Garten rannte, war, dass diese Tierchen wirklich verdammt schnell fliegen konnten. Sicherlich hätte das nicht überraschend sein sollen – aber jetzt die Verfolgung mit ihnen aufzunehmen, war wirklich eine ganze andere Sache, als ihnen beim allgemeinen Herumfliegen zuzuschauen. Wie ärgerlich, dass ausgerechnet seine Bienen sich dazu entscheiden mussten, umzuziehen. Dabei war er doch in Sport nie der Beste gewesen. Mit aller ihm zu Verfügung stehenden Kraft sprang und kletterte er über Zäune und hievte sich über die hohe Mauer von dem Ehepaar vier Häuser weiter vorn. Kaum war er seinen Bienen über das Ende seiner Straße hinaus gefolgt, musste er nach links in die „Lange Straße“ abbiegen. Er rannte, so schnell ihn seine Beine trugen, durch die gesamte Straße. Mit jedem Meter weiter schwand ihm jedoch die Kraft. Wie lange würde er es durchhalten? Er spürte verzweifelt, wie er langsamer wurde; ihm ab und an ein Bein einknickte. Nein, er musste sich zusammenreißen. Mitten im Rennen reckte er trotzig sein Kinn in die Höhe. Stur und nicht aufgeben wollend, lief er weiter. Hatte es sich doch noch ausgezahlt, dass er zu Schulzeiten immer vor den Grobianen weglaufen hatte müssen. Es kam natürlich, wie es kommen musste, die Bienen bogen abermals ab und er mit ihnen. Frau Biber aus der langen Straße, die berühmt für ihre zornige Art war, schimpfte ihm nach, als er zu seinem Bedauern ausgerechnet durch ihr gehegtes, gepflegtes und vielfach von der Gartenschau ausgezeichnetes Beet laufen musste. Er rief ihr eine Entschuldigung zurück: „Tut mir leid, Frau Biber, aber meine Bienen suchen sich gerade eine neue Wohnung!“ Später würde er sich Gedanken darum machen müssen, wie er bei Frau Biber um Vergebung bittete, denn ihr Blumenbeet im Vorgarten war ihr Ein und Alles. Hoffentlich konnte sie ihm seine rabiate Beetrampelei verzeihen. Er würde ihr auch neue Blümchen kaufen, wenn er zu verheerend gewesen war. Daran konnte gar kein Zweifel bestehen. Noch nie hatte er mutwillig etwas zerstört. Winnie war von Kindesbeinen an ein sehr gutmütiger Bürger des Dorfes. Der Mann hatte nicht vor, an diesem Ruf etwas zu ändern. 

Über diesen Gedanken hatte er allerdings beinahe vergessen Ausschau nach seinem altehrwürdigen Bienenschwarm zu halten, der sich eine neue Niederlassung suchen wollte. Er suchte also schier verzweifelt den blauen Himmel ab, der nur von einigen weißen, schmalen Wolken zerfurcht wurde, bevor er endlich den Sichtkontakt zu den Bienen wieder hergestellt hatte. Verzweifelt rief Winnie seinen Bienen nach: „Wartet!“ Außer Atem schnaufte er und rief noch einmal „Ihr müsst auf mich warten. Nicht so schnell ...“, doch die Bienen hörten ihm nicht zu. Wie sollten sie auch? Sie waren noch nie die besten Zuhörer gewesen, geschweige denn die besten Gesprächspartner. Alles, was sie als Antworten kannten, war ein unverständliches Summen. Er hatte einmal ausprobiert, mit ihnen zu summen. Allerdings musste daran etwas falsch gewesen sein, denn sein Bienenvolk war gelinde gesagt, wütend geworden. Vielleicht hatte er aus Versehen die Bienenkönigin beleidigt? Er hatte ja nicht gewusst, was er dort gesummt hatte. Es war wohl sein Glück gewesen, dass die Bienen nicht allzu nachtragend gewesen waren.

 Nachdem Winnie sogar einmal vor lauter Erschöpfung über seine eigenen Füße gestolpert war und sich einige Schürfwunden dabei zuzog, konnte er noch sehen, wie sich die Bienen an einem Fleck bewegten. Sie schwirrten immer wieder hin und her. Es war der eleganteste Himmelstanz, den Winnie je in seinem Leben gesehen hatte. Er richtete sich langsam wieder auf, dann folgte er weiter seinen Tierchen. Er durfte ihn unter gar keinen Umständen verlieren, denn der Schwarm war schon seit etlichen Jahren im Besitz seiner Familie. Wenn er ihn verlor, würde sein Vater ihn vermutlich enterben oder noch schlimmeres. Er rieb sich die Schulter von dem Sturz, obwohl mehr seine Hände vom Abfedern schmerzten. Stoisch ignorierte Winnie das Brennen auf seinen Handflächen. Seine Bienen waren wichtiger! Er kletterte schließlich über das Tor, das ihn von seinen Bienen abschirmte und lief wie gebannt über den gepflasterten Hof. Seine Augen jedoch nur auf den gewaltigen Bienenschwarm gerichtet, der dort in geringer Entfernung wie eine schwarze Wolke am Himmel wirbelte. Das Schauspiel lenkte ihn zu sehr ab, so dass er nicht bemerkte, dass jemand ihn bei seinem Betreten eines fremden Grundstücks beobachtet hatte. Da waren doch tatsächlich seine Bienen. Inmitten eines anderes Schwarmes. Sie hatten sich vereinigt und gingen friedlich miteinander um. Das hieß, wenn er es richtig in Erinnerung hatte, dass er die Bienenwohnung nicht ohne weiteres öffnen durfte, in die seine Immen eingezogen waren. Daraus schlussfolgerte er, dass er seine Bienen nicht einfach wieder mit nach Hause nehmen konnte. Nachdenklich kratzte er sich am Kopf. Es dauerte nicht mehr lange und er hatte völlig die Übersicht darüber verloren, welche Biene nun zu ihm gehörte und welche nicht. Es waren einfach zu viele, um alle auszumachen. Sicherlich bei einigen konnte er es noch auseinanderhalten, aber eben nicht alle. Sein Vater hatte einmal darüber gesprochen, dass selbst für den Fall, dass Bienenschwärme miteinander kollaborierten, dass Bürgerliche Gesetzbuch einen Schlachtplan dafür bereit hielt. Gerade wollte er sich daran erinnern, was sein Vater ihm beigebracht hatte, als eine weibliche und äußerst entrüstete Stimme sich an ihn wandte. Vor Schreck zuckte Winfried zusammen. Er wirbelte herum und als er sie erblickt hatte, blieb ihm der Mund offen stehen. Eine wirklich kolossale Frau. Sie war nicht zu dick oder zu dünn. Sie hatte Fleisch auf den Hüften und sah nicht aus, als würde sie beim Aufheben eines Holzscheites auseinanderfallen. Nein, bei ihr waren die Proportionen gut verteilt. Die Natur hatte es wirklich gut mit ihr gemein. So eine schöne Frau hatte er schon lange nicht mehr in dem Ort gesehen. Die einzige Frau im ganzen Ort, die sich anschickte, ihm zu begegnen, war Olive. Olive Ludwig. Allerdings konnte er nichts für sie empfinden. Sie hatte panische Angst vor Bienen und es ging das Gerücht um, dass sie ohnehin nur das Gehöft seiner Familie haben wollte. Deswegen hatte sie es auch schon bei seinem Bruder Justus versucht, der Bankangestellter war, eigentlich eine Frau hatte und schon drei Kinder ernährte. Nein, mit so jemanden wollte er nichts zu tun haben. 

Er war also von dem Anblick etwas abgelenkt. Nur nicht allzu lange, denn da sprach die Frau wieder: „Sind Sie ein Einbrecher oder was? Was wollen Sie hier holen? Ich hab überhaupt nichts wertvolles!“ Sie stemmte die Hände in die deutlich runden Hüften. Ihr Blick tackerte ihn fest und das braune Haar umflog ihr helles Gesicht. Was eine Erscheinung … „Ich bin kein Einbrecher“, merkte Winnie leise an. Ihr Blick konnte einem wirklich Angst machen, aber das hatte auf der anderen Seite durchaus etwas reizvolles an sich. „Dann sind Sie eben ein gottverdammter Hausfriedensbrecher. Ich habe gesehen, wie Sie ohne zu klingeln über mein Hoftor geklettert sind. Was übrigens nebenbei auch dumm war, weil das Hoftor offen gestanden hätte.“ Winnie knetete seine Hände in echter Betroffenheit. „Ich bin überhaupt kein Brecher. Weder Hausfriedensbrecher noch Einbrecher ...“, gab er zurück. „Ich bin ein Bienenverfolger!“ 
Zum ersten Mal fiel ihm auf, wie eigenartig das klingen musste. Niemand hatte ihm gesagt, dass Bienen verfolgen so peinlich werden konnte. Das musste sein Vater übergangen haben. Ja, aber, aus welchem Grund eigentlich? „Ein Bienenwas?“ wollte die Frau schließlich von ihm wissen. Er konnte es ja verstehen, das hatte wenig seriös geklungen. „Ich … Ich meine, ich bin ein Imker, der seine Bienen bis hierher verfolgt hat, Frau … äh … ich kenne Ihren Namen nicht.“  Winnie klang unsicher und sah betreten zu Boden, während er weiterhin seine Finger miteinander ringen ließ. „Das da drüben sind meine Bienen, Herr Egal-wie-Sie-heißen“, fauchte ihn die Brünette an, die sich kurzerhand ihre Haare zu einem Zopf zusammenfasste. Ihre Bewegungen waren elegant und geübt. „Nein, nein, Frau Ich-weiß-Ihren-Namen-nicht. Sehen Sie, Ihre Bienen sind kleiner, als meine. Sie haben da jetzt richtig große dabei. Wollen wir uns das vielleicht zusammen ansehen?“ Traurigerweise hätte Winfried das sogar als sein allererstes Date bezeichnen können, denn er hatte sich nicht einmal zum Abschlussball getraut ein Mädchen zu fragen, ob sie ihn begleiten wollte. Als sie meinte „Na schön, wenn es sein muss, gucken wir uns die Bienen an. Sollten Sie mich auf den Arm nehmen, dann schiebe ich Ihnen mein Nudelholz rektal hinein.“ schluckte er kurz. Tatsächlich hatte sie das Ding drohend in ihrer Hand liegen. Das war ihm im ersten Moment gar nicht aufgefallen. Winnie konnte spüren, wie ihm der Hals trocken wurde. Trotzdem spürte er auch Dankbarkeit ihr gegenüber. Es war schon beeindruckend, wie die Frau mit ihm umging. Er kannte einige Damen des Ortes, die es gar nicht erst angekündigt, sondern sofort in die Tat umgesetzt hätten. Also war die logische Konsequenz daraus, dass die Frau, deren Namen er nicht kannte, wesentlich sozialer als die meisten Dorfbewohner war. Er blieb schließlich immer der komische Bienenkauz. Winnie Puh, der Bär, der Honig liebte. So ein Spitzname sorgte automatisch dafür, dass man am Rand der Gemeinschaft stand. Nicht, dass sich Winnie darüber beschweren wollte, aber das machte so eine Begegnung, wie diese hier zu etwas speziellem. Als sie dann gemeinsam in den Garten gegangen waren, zu dem riesigen Apfelbaum, der bisher nur leichte Knospen trug, fühlte sich das merkwürdig vertraut an. Winnie stand der Schweiß auf der Stirn und er wischte sich mit dem Ärmel über diese und sah zu dem gigantischen Bienenschwarm. „Sehen Sie den Größenunterschied der Bienen? Die großen sind meine. Ich würde sie überall erkennen. Ich bin ihnen direkt gefolgt. Ich hatte wirklich Glück, dass ich in dem Moment aus dem Haus gekommen bin, als sie beschlossen hatten, auszuziehen“, erklärte er. Seine Finger hatten zwei ruhende Bienen in den Fokus gerückt, die sich nicht ganz ähnlich sahen. Tatsächlich konnte man allein anhand der Größe die beiden Sorten auseinander halten. „Hm – sieht aus, als hätten Sie Recht, Herr Egal-wie-Sie-heißen“, gab sie nachdenklich von sich. „Was machen wir denn jetzt?“ Winnie war etwas unsicher in ihrer Nähe. Nicht nur, dass sie überhaupt keine Berührungsängste hatte, sie war auch die erste Frau, die neben ihm stand, ohne über ihn zu lachen. Das musste Liebe auf den ersten Blick sein oder so? Er sah kurz zu ihr hoch, konzentrierte sich aber schnell wieder auf die Bienen. Mit Bienen kannte er sich deutlich besser aus, als mit Frauen.

 „Also nach dem BGB bin ich Eigentümer der Bienen, die in Ihre Bienenwohnung eingezogen sind“, sagte Winfried ernst. Die Frau blinzelte kurz. „Moment, haben Sie gerade Bienenwohnung gesagt?“, fragte sie überrascht nach. „Ja, Bienenwohnung. Das ist ein so viel schöneres Wort für das Bienenhaus. Immerhin hat der Bienenstaat eine so gigantische Ordnung und Struktur in ihrem geschützten Raum, dass ich es lieber Bienenwohnung nenne.“ Die Brünette nickte kurz auf seine Worte. Das konnte er sehen, weil seine Augen immer wieder auf ihr Gesicht huschten. Mit einem Lächeln bestätigte sie schließlich seine Worte: „Das sage ich auch immer. Wie heißen Sie noch gleich?“ „Ich bin … bin … Winfried Baum“, sagte er kleinlaut und wartete wie ein geprügelter Hund darauf, dass sie gleich anfangen würde zu lachen. Doch sie tat nichts dergleichen und stellte sich als „Honey Blum“ vor. Sie spannte ihren Kiefer an, wobei sie bedrohlich mit den Zähnen mahlte. Es war ein Hauch der Gewalt, der sie nun umgab. Fast wie der kalte Wind im wärmenden Frühlingsstrahl der Sonne. „Freut mich, Sie kennenzulernen Frau Blum. Honey ist ein sehr schöner Name“, sagte er freundlich. Doch er mochte den Klang des Namens. „Wie lange sind Sie denn schon Imkerin?“, fragte Winnie nun noch. „Falls ich nicht zu neugierig klinge“, beschwichtigte er seine Frage gleich wieder. „Ich mache das schon seit meiner Kindheit. Mein Papa hat mir alles beigebracht, was ich wissen muss. Jetzt, wo er tot ist, muss sich ja jemand um die Bienen kümmern“, sagte sie schließlich. „Und Sie?“ „Ich auch. Übernommen habe ich den Schwarm allerdings vor 13 Jahren, auch von meinem Vater, aber der lebt noch. Also, ich meine, er ist inzwischen einfach zu alt. Ich war das Einzige seiner vier Kinder, das sich für das Bienenvolk interessiert hat“, gab er zu. „Das ist wirklich großartig von Ihnen. Bienen sind so wertvoll für uns. Wir essen ihren Honig oder machen daraus Propolis. Außerdem bestäuben die Bienen unsere Pflanzen. Sie sind ganz außergewöhnliche Tiere“, der Ausdruck in den Augen von Frau Blum wurde ganz anders. Sanft und weich. Er mochte es. „Das stimmt. Ohne die Bienen würde die Menschheit nicht mehr existieren. Außerdem machen sie den Frühling und den Sommer um einiges echter. In wie vielen Geschichten heißt es denn, dass das Summen der Bienen zu hören war?“, merkte der Imker Winnie an. Da unterhielten sich zwei echte Bienenliebhaber, wie es ihm schien. Das brachte ihn zum Lächeln. Das tat er normalerweise auch wesentlich schüchterner in Gegenwart einer Frau. „Wollen Sie vielleicht einen Kaffee mit mir trinken? Meine Mutter würde Sie bestimmt gerne kennenlernen!“ Winnie stand vor ihr und sah sie an, als wäre sie von einem fremden Stern. „Sind Sie sich sicher, dass Sie mit mir reden?“ Frau Blum sagte: „Meine Mutter wartet seit mindestens 10 Jahren auf einen Kerl, wie Sie.“ „Oh, äh … ich soll also mit Ihrer Mutter einen Kaffee trinken?“ Winnie war manchmal nicht besonders schnell im Denken und genau dieses Manchmal traf auf jetzt zu. Frau Blum stutzte und fing schließlich doch an zu lachen. „Das war wirklich süß“, sagte sie und wurde sofort wieder ernst: „Nein, Sie sollen mit MIR Kaffeetrinken. Meine Mutter wartet seit zehn Jahren darauf, dass ich einen potentiellen männlichen Begleiter mit nach Hause bringe. Nun … Sie sehen etwas zerknittert und vollkommen erschöpft aus, aber ich behaupte einfach, dass Sie fast zu spät gekommen sind und deshalb rennen mussten. Das erinnert sie dann an meinen Vater. Also, ich bin Honey und du bist Winfried?“, kam sie nochmalig auf seinen Namen zu sprechen. Verwirrt nickte Winfried auf die Frage. So schnell hatte ihn noch nie jemand beim Vornamen genannt. Das war Rekord. „Okay. Du erzählst meiner Mutter, dass wir uns schon seit zwei Monaten kennen, verstanden? Ich hab's ihr nicht gesagt, weil es eine Überraschung werden sollte und du hast gewartet, bis ich sicher war, dass du mir als Freund erhalten bleibst!“ Er wollte fast nicken, als er  noch einmal kurz inne hielt: „Sehe ich nicht zu unförmig aus? Bin ich nicht zu dick oder so? Wird deine Mutter dich nicht für verrückt halten?“ „Nein. Du siehst besser aus, als der Letzte, den ich ihr gezeigt habe. Außerdem geht es ihr sowieso nur darum, dass ich nicht als einsame Jungfer sterbe. Wenn du dich also nicht zu dumm anstellst, gehen wir essen und wer weiß ...“ Winfried konnte immer noch nicht glauben, was die Frau vor ihm da gerade gesagt. Sollte wirklich das BGB ihn nach all den Jahren doch noch vom 'Singlemarkt' nehmen? „Also, wie sieht es aus? Willst du mit mir Kaffee trinken?“, fragte Frau Blum, die er tunlichst Honey nennen sollte.   „Sehr gerne, Honey“, gewöhnte er sich also gleich daran. Sie nickte zufrieden und drehte sich in Richtung Haus. Winfried hielt sie jedoch noch einmal auf und murmelte: „Warte, du hast da eine Biene im Haar.“ Sanft verhalf Winnie der Biene zu ihrer Freiheit.  Die Imkerin Honey Blum lächelte still. Zusammen gingen sie in das Haus hinein, wo sie gemeinsam ihren ersten Kaffee mit der Frau Blum Senior tranken – der allerdings nicht ihr letzter gewesen sein sollte.